Meinung : MON BERLIN Warum ich lieber Affe als Pudel bin

Pascale Hugues

Der arme Mister Boyes, der sich vergangenen Samstag über sein Schicksal als Untertan Ihrer Majestät im Grunewald ausheulte. Welch’ ein Vergnügen ist es dagegen, in diesen Tagen als Tochter der Republik in Schöneberg zu leben! Jeden Morgen kann ich mit hoch erhobenem Kopf auf die Straße gehen, jeden Schritt genießen und den Passanten furchtlos in die Augen sehen. Nachbarn, die ich bisher nur vom Sehen kannte, werfen mir komplizenhafte Grüße zu. Auf dem Winterfeldtmarkt klopft mir der Käseverkäufer auf die Schulter und gratuliert. Im Bioladen werden mir Rabatte gewährt. Ein alter Freund ruft an, um mich zum Anstoßen auf die deutsch-französische Rebellion einzuladen: „Das ist das erste Mal seit dem Krieg, dass wir auf der gleichen Seite kämpfen!“ Seine Frau grapscht das Telefon und meint: „Euer Villepin ist aber ein gut aussehender Kerl!“

Das transatlantische French bashing beschert uns eine Verdopplung der Zärtlichkeiten in Deutschland. Keiner hier hört mehr auf, uns seine Liebe zu beweisen, und uns zu versichern, dass wir keine käsefressenden Affen sind, wie es das amerikanische Fernsehen nahe legt. Gut informierte, in Berliner Salons positionierte Quellen vermelden erfreut, dass Franzosen und Deutsche noch nie so viel miteinander geredet haben. Zwischen Auswärtigen Amt und Quay d’Orsay wird heftig gequatscht. In Schöneberg ebenfalls.

Armer Mister Boyes, ich kann mich auch noch gut an die Zeit erinnern, als ich mich gefühlt habe wie Sie jetzt. Ich habe die Atomversuche auf Mururoa nicht vergessen: den Bordeaux-Boykott in meinem Lieblingsrestaurant und die angewiderten Mienen, wenn ich es wagte, einen Fuß in den Bioladen zu setzen. Ich habe Le Pen nicht vergessen: wie die Nachbarn plötzlich die Straßenseite wechselten, wenn sie mich bemerkten, und wie ich so unauffällig wie möglich an den Häuserwänden entlangschlich.

Wie viele Zaubertricks haben sich die Strategen im Elysée und im Kanzleramt einfallen lassen, um eine gemeinsame Initiative aus dem französisch-deutschen Hut zu ziehen, die den stockenden Motor wieder in Gang bringen würde. Aber was wäre ohne diesen französisch-deutschen Chorgesang über das Irak-Motiv geschehen? Was wäre passiert, wenn Jacques Chirac nicht – zur Verwunderung aller – die Brust vorgestreckt und hinter seinen breiten gaullistischen Schultern den unbesonnenen Gerhard Schröder versteckt hätte, der vergessen hatte, dass ein Staatsmann niemals ein kategorisches „Nein“ äußern darf? Diplomatie ist wie Flirten: Man darf sich nie festlegen, man muss es verstehen, „Nein“ zu sagen, während man „Ja, natürlich“ denkt, und „Ja“ zu sagen, während man „vielleicht doch nicht“ meint.

Mir läuft es kalt den Rücken herunter, wenn ich mir die totale Isolation vorstelle, in die Deutschland geraten wäre, wenn Frankreich im letzten Moment doch noch seine Soldaten in den Irak geschickt hätte. Frankreich ist bei den Amerikanern dafür bekannt, ab und zu über die Stränge zu schlagen. Der Verrat Deutschlands, das lange Zeit als diszipliniertester Alliierter der atlantischen Schulklasse galt, wird schwerer zu vergeben sein. Man muss so teuer dafür bezahlen, sich den Vereinigten Staaten zu widersetzen, dass es in der Tat besser ist, wenn man es zu zweit tut. Gerhard Schröder sollte dem Himmel und Jacques Chirac danken. Und ich auch. Armer Mister Boyes: Es ist zur Zeit besser, ein käsefressender Affe in Schöneberg zu sein als ein Big-Mac-fressender Pudel im Grunewald.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Foto: privat

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