Mon Berlin : Weihnachtsgans Nummer drei

Atemlos von Gans zu Gans: Pascal Hugues über ihren Berliner Hindernislauf im Advent.

Pascale Hugues[Le Point]

Warum das schmutzige Lächeln? Dieses kleine Lachen, das wie ein Triller ganz tief aus der Kehle steigt? Werde ich zu einer fleischlichen Orgie in einem dunklen Lokal in einem der heißesten Viertel von Berlin gebeten? Soll ich Zeugin einer heidnischen Zeremonie oder eines satanischen Rituals werden? Dabei wirkt die Einladung auf den ersten Blick harmlos: „Kommst du mit zum Weihnachtsgansessen?“

Für die Berliner ist die Weihnachtsgans eine ungetrübte Freude, ein letzter Moment der Leichtigkeit unter Freunden, Kollegen, Vereinskameraden, Sportsfreunden, wenige Tage vor Weihnachten mit seinen familiären Komplikationen. Ein letzter Freiraum vor den Verpflichtungen und Zwängen. Das Problem ist, dass der Dezember sich zu einem einzigen Hindernisrennen auswächst. In den letzten Tagen bin ich atemlos von Gans zu Gans gehetzt. Ich fühle, wie mir Flügel und ein Schnabel wachsen.

Alles hat vorigen Montag angefangen. Meine erste Gans ist im Grunde keine. Sie ist gefälscht. Eine Imitation. Sie erwartet mich, in dünne Scheiben geschnitten und sternförmig, auf einem viel zu großen Teller arrangiert. Sie er innert an ein zartes Rebhuhn. Eine Gans nouvelle cuisine.

Meine zweite Gans ist ein Snob. Sie ist mit einem Mantel aus Rosmarin und Thymian bekleidet, mit einem in die Bauchhöhle gestopften Stückchen Ingwer und einem kleinen grünen Limettenhut auf dem Kopf. Eine elegante Gans, die viel von der Welt gesehen hat! Ganz sicher betrachtet sie mich voll Herablassung.

Erst die Gans Nummer drei wird meine wirkliche Initiation. Sie thront in der Mitte der Tafel, proper wie ein Neugeborenes, ver goldet, majestätisch. Eine Gänseprinzessin inmitten ihres Hofstaates aus Rotkohl, Grünkohl, Rosenkohl, Preiselbeeren, Speck und Knödeln. Auf der Einladung stand 18 Uhr 30. 18 Uhr 30? Das konnte nur ein Tippfehler sein. 18 Uhr 30, das ist die Teestunde, die Stunde der Petits Fours. Für Gänse eine höchst unpassende Uhrzeit. Beim Apotheker habe ich mich heute Nachmittag über die Einladung zu dieser verfrühten Stunde beklagt.

Ein Abendessen vor 20 Uhr ist für Franzosen einfach absurd! Nur in Krankenhäusern und Altersheimen isst man um 18 Uhr 30. „Oh, oh, in Ihrem Land lieben Sie wohl das Risiko!“ Der Apotheker warnt mich. „Wenn Sie heute Nacht mit einer Gans im Magen wenigstens ein paar Stunden schlafen wollen, müssen Sie früh anfangen. Sonst garantiere ich für nichts.“ Mit den Fingerspitzen streichelt er die ordentlich aufgereihten Alka Seltzer und schüttelt einen Beutel Verdauungstee. „Eine Pest, diese Weihnachtsgänse!“ Am Abend trägt eine Familie am Nachbartisch einen Ringkampf aus. Zunächst muss man sich schützen: vor der Sauce, dem Rotkohl. Die Flecken verwandeln ein weißes Hemd für immer in ein Bild von Jackson Pollock. Die sonntäglich gekleidete Gesellschaft bindet sich also Servietten um den Hals. Man glaubt sich in einen Kindergarten zur Mittag essenszeit versetzt. Als Nächstes muss man die Gans zerlegen, um sie in den Mund zu zwängen. Und das ist nicht gerade einfach.

Deshalb sind alle Tricks erlaubt. Meißeln, zersägen, die Flügel zerteilen, dem Tier die Knochen brechen, seinen Brustkorb zerschlagen. Man arbeitet mit Händen und Klauen. Ich beobachte die Familie von Nagetieren nebenan. Monsieur: ein Hamster, die Backen mit Grünkohlbrei vollgestopft. Der Schwiegersohn-Hund nagt an einem Knochen. Madame, ein Mäuschen, knabbert mit vorstehenden Zähnen wie besessen an einem widerborstigen kleinen Knochen – und schnäuzt sich in ihre Serviette. „Ich könnte mich reinwerfen!“, ruft sie und schiebt den leeren Teller zurück. Und schon stelle ich mir vor, wie sie mit energischen Armstößen in gekochtem Rotkohl schwimmt, ein Gänsebein zwischen die Zähne geklemmt.

An unserem Tisch wird Mousse au Chocolat und rote Grütze ge ordert. Und unter dem Tisch wird der Hosengürtel diskret ein Loch weiter gestellt. Der Cholesterinspiegel schießt in die Höhe, die Hüften runden sich. Sollte noch jemand ein wenig Hunger verspüren, so kann er sich auf der Schiefertafel über eine weitere Spezialität informieren: Hausgemachte Eisbeinfleischsülze mit Remoulade und Bratkartoffeln. „Wir sind ein deutsches Haus, Madame“, bestätigt mir der Wirt, als er eine Runde Verdauungsschnaps serviert. Was für ein Glück, dass er mich darauf aufmerksam macht, es wäre mir glatt entgangen. „Nicht lang schnacken, Kopp in Nacken“, sagt ein Tischgenosse. Ich sehe Nasen, die in kleinen Gläsern stecken, und das Skelett meiner letzten Gans im Jahr. Santé! Joyeux Noël!

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke. Von Pascale Hugues ist gerade das Buch „Marthe und Mathilde“ erschienen (Rowohlt), in dem sie das Leben ihrer Großmütter erzählt.

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