Mon BERLIN : Wenn der Strandkorb zum Nest wird

Was die Deutschen im Urlaub lesen? Ihre Regionalzeitung! Brauchen sie die Nabelschnur, die sie mit dem Mutterschoß daheim verbindet? Verstört sie die unendliche Weite des Horizonts?

Pascale Hugues[Le Point]

Fragen Sie die Deutschen mal, welche Lektüre sie auf eine einsame Insel mitnehmen würden. Nein, Sie werden nicht die üblichen Antworten hören. Kein Mensch wird mit verklärtem Blick die Gesamtausgaben von Marcel Proust oder Thomas Mann nennen. Weder von Shakespeare noch von Dante wird die Rede sein. Und Bibel oder Odyssee können Sie erst recht vergessen.

Ganz offensichtlich reduzieren sich die kulturellen Ambitionen der Nation von Dichtern und Denkern auf den Nordseeinseln auf ihre schlichteste Form. Um 11 Uhr vormittags breitet ein Zeitungsschwarm in den Strandkörben seine Flügel aus wie große schwarz-weiße Schmetterlinge. Unzählige seltene Exemplare finden sich hier: das „Darmstädter Echo“ zu meiner Rechten, der „Donau Kurier“ zu meiner Linken.

Nach wenigen Minuten ist die Deutschlandkarte im feinen Sand eingezeichnet: Düsseldorf liegt vor dem Beachballplatz, Kiel ganz in der Nähe der Schaukeln. Und da hinten neben der Imbissbude sehe ich München. Eingekreist bin ich von Ruhrgebiet und Schleswig-Holsteinischer Geest. Die Gipfel der Bayerischen Alpen steigen zwischen den Dünen empor. Jeder Einzelne hisst sein Lokalblatt wie eine Fahne, stolzes Hoheitszeichen der für die Dauer der Ferien verlassenen Heimat. „Le Monde“ dagegen braucht man am Strand gar nicht erst zu suchen. Der Zeitungshändler hat mich misstrauisch gemustert, als ich ihn nach einer französischen Zeitung gefragt habe. Auf den Nordsee-Inseln existiert das Ausland nicht.

„Schau mal“, erhebt sich eine verträumte Stimme aus den Tiefen des Nachbarstrandkorbs, „Professor Doktor Müller feiert seinen 80. Geburtstag!“ Es ist Mittag. Die Sonne brennt. Hinter den Sandbänken dehnt sich der Horizont in die Unendlichkeit. Eine Möwe kreist über unseren Köpfen. Ein Flugzeug zieht durch den blauen Himmel. Mein Kopf ist leer. Berlin ist so weit weg. Nichts existiert mehr außer diesem Viereck aus heißem Sand, der zwischen meinen Zehen rieselt. Ein Augenblick der Ewigkeit. Bis plötzlich Professor Doktor Müller im trauten Familienkreis vor mir erscheint, im fernen Tübingen.

Meine Sommernachbarn lassen sich die Zeitung in die Ferien nachschicken. Allmorgendlich befassen sie sich mit den vermischten Nachrichten von zu Hause. Am Benther Berg bei Hannover hat die Ernte angefangen. Nach 97 Jahren wurde im Düsseldorfer Traditionsunternehmen des Papierherstellers Hermes die Produktion eingestellt, und Frau Sophie Bonnen ist mit 109 Jahren die älteste Bürgerin der Stadt. Im Südviertel von Essen wurde eine Fünf-Zentner-Fliegerbombe gefunden, und die Deutsche Bahn schneidet vom Sonntag, 3. August, 21Uhr 30, bis zum Freitag, 8. August, 6 Uhr, zwischen Bochum Hauptbahnhof und Essen-Kray Süd an ihren Gleisen die Vegetation zurück.

Der „Anzeiger für Harlingerland“ teilt mir mit, dass „ein 27-jähriger Wittmunder am Dienstagabend völlig ausgerastet“ ist und dass ein von der Polizei in Ostfriesland gesuchter Betrüger sich selbst gestellt hat. Zugegeben, das alles klingt wie ein schlechter Ostfriesenwitz. Weit weg sind die Reflexionen über den Sinn unserer Existenz, die eine andere, etwas universeller gehaltene Lektüre uns bieten könnte.

Dabei hatte ich angenommen, die Ferien seien dazu da, den Alltag, die vertraute Umgebung, die Treppennachbarn und die erstickend enge Kleinstadt zurückzulassen. Ich hatte angenommen, die ganze Welt sei im August von demselben Wunsch getrieben: in andere Gefilde zu entfliehen. Sich vor dem Rest der Welt auf eine abgelegene Insel zu flüchten.

Ich frage mich, was meine Strandkorbnachbarn dazu bringt, jeden Morgen ihr Regionalblatt zu lesen. Brauchen sie die Nabelschnur, die sie mit dem Mutterschoß daheim verbindet, weil sie den Aufbruch in dieses extraterritoriale Abenteuer plötzlich als zu kühn empfinden? Verstört sie die unendliche Weite des Horizonts? Die Lokalzeitung erlaubt den Rückzug auf vertrautes Terrain, in einen beruhigenden Mikrokosmos, wo der Geburtstag des verdienten Professor Doktor Müller größere Bedeutung hat als die undurchschaubaren Machenschaften der Siemensmanager. Dank der Heimat wird der Strandkorb zum Nest. Man ist nicht mehr allein und verloren am Ende der Welt.

In unserem Strandabschnitt wagt nur ein einzelnes junges Mädchen den Ausbruch. Mit dem Kopf auf dem muskulösen Bauch ihres Freundes, ihrem Kopfkissen, liest sie „Prinzessinnen und Mätressen“. Ein enormer Schinken, der sie in andere Jahrhunderte, in andere Leben entführt. Zum Teufel mit dem Badeunfall am See in Tannenhausen und den von der Polizei gesuchten Zeugen der Unfallflucht auf der Mittelstraße in Essen! Zum Teufel mit den 80 Jahren des Professor Doktor Müller!

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke

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