Mon BERLIN : Wenn ein Kuss zum Schock wird

Pascale Hugues über Gewalt, Lärm und pausenlose Action im heutigen Kino und eine Szene, die trotzdem schockiert.

Pascale Hugues[Le Point]

Seit jenem Tag sehe ich die Möwen mit anderen Augen an. In den glänzenden kleinen Augen der Raben erkenne ich eine beängstigende Grausamkeit, ein teuflisches Leuchten. Selbst ein kleiner Spatz, der morgens in aller Unschuld auf den Wiesen des Volksparks herumpickt, ist mir verdächtig.

Es war ein Samstagabend. Ich war etwa 13, 14 Jahre alt. Gerade hatte der Fernseher im Wohnzimmer Einzug gehalten. Erst nach langem Zögern hatten meine Eltern dem Eindringling die Tür geöffnet. Sie hatten beschlossen, dass das in einem Bücherregal stehende dicke Gerät sich wochentags hinter einer schwarzen Schiebetür verstecken sollte. Damals genierte man sich, diesem doch etwas vulgären Objekt einen Vorzugsplatz einzuräumen. Man schaltete den Fernseher nur an, um eine im Voraus gewählte Sendung anzuschauen. An bewusstem Samstag: „Die Vögel“ von Hitchcock.

Seinerzeit galt dieser Klassiker des Gruselfilms als Höhepunkt des Entsetzens: ein Schwarm wild gewordener Vögel, Angriffe auf Kinder, ein in seinem Bett getöteter Farmer mit ausgehackten Augen. Das Blut, das ihm über die Beine und die Wangen rann, war viel zu rot – zinnoberrot –, um echt zu sein. Und selbst der platinblonde Haarbau der von Hunderten von Vögeln attackierten Tippi Hedren blieb ebenso makellos wie ihre Lippenstiftkonturen. Mit ihren hohen Absätzen und der an der Hand angewachsenen kleinen Handtasche verlor die legendäre Hitchcock-Blondine niemals die Façon.

Vorigen Sonntag habe ich den Film in Berlin mit einer Gruppe Kindern angeschaut. „Als der Film herauskam“, so ein Zwischentitel, „war er für Kinder unter zwölf Jahren verboten.“ In mir erwacht Nostalgie nach einer Zeit, als man ins Kino ging, um einen Tierfilm oder eine Dokumentation über die Zulus zu sehen. Der Kinobesuch war etwas ganz Besonderes, ein Erlebnis in den Ferien oder am Geburtstag. Und mit dem Fernsehen wurde man sehr knapp gehalten. Es gab nur einen Sender und ein einziges Programm, am Abend und am Donnerstagnachmittag, wenn die kleinen Franzosen schulfrei hatten. Man sah Zorro, den Zirkus Pinder und tschechische Zeichentrickfilme. Unsere Ration unschuldiger Medienkonsum musste für die ganze Woche reichen.

„Aber da passiert ja überhaupt nichts“, beklagen sich die kleinen Berliner von heute, die vor dem Fernseher auf dem Fußboden sitzen. Sie müssen erst wieder lernen, zu fühlen, wie die Spannung in Bodega Bay steigt, zu beobachten, mit welchen Signalen das drohende Drama sich ankündigt: ein Rabe, der gegen eine Haustür rast, ein Schwarm hysterischer Vögel, die zu Hunderten in einer Baumkrone kreischen, das Plätschern der Wellen in der Bucht, die Hühner, die nicht fressen wollen, der Himmel, der sich zuzieht, Stille, Warten, Lähmung.

Nach ein paar Minuten haben die Kinder verstanden. Die Kleineren kauern sich zusammen, das Gesicht in den Knien. Die Älteren beißen sich auf die Lippen. Sie fühlen genau, dass der Mangel an Action viel mehr Angst einflößt als die Dauerexplosion, die ihnen in den heutigen Filmen serviert wird.

Am selben Abend gehe ich ins Cinemaxx am Potsdamer Platz. Zwischen den Bierflaschen und dem Popcorn meiner Nachbarn sehe ich den mit Oscars überhäuften „Slumdog-Millionär“. Der Film ist freigegeben ab zwölf Jahren, so im Vorspann. Er richtet sich also an dieselbe Altersgruppe wie Hitchcocks „Vögel“ von 1963. Einem kleinen Jungen werden die Augen ausgebrannt, damit er erfolgreicher betteln und das Mitleid der Passanten in den Straßen von Bombay besser erregen kann. Schläge, Verfolgungsjagd, eine Mutter wird vor den Augen ihrer Kinder mit einem Knüppel erschlagen. Jetzt wird mir klar, warum Hitchcocks bedrohliche Langsamkeit den Jugendlichen von heute so altmodisch vorkommt. Es ist ein Gemeinplatz, wenn man sich über die raschen brutalen Bilder beklagt, die den Bildschirm und das Gehirn der diesem Trommelfeuer passiv ausgesetzten Kleinen zerreißen. Auf meinem Sessel im Cinemaxx wird mir klar, wie sehr die Kinder von heute sich an Gewalt, Lärm, pausenlose Action gewöhnt haben.

Letzte Szene: Der „Slumdog-Millionär“ und seine endlich wiedergefundene große Liebe küssen sich auf den Mund. Nichts von dem flüchtigen Kuss, den Rod Taylor bei Hitchcock auf Tippi Hedrens Nacken haucht. Hier handelt es sich um einen echten Zungenkuss in Großaufnahme. Und doch rufen beide Küsse, einer prüde, einer frei, dieselbe Reaktion hervor. Die Jugendlichen um mich herum, die sich während der Gewaltszenen nicht gemuckst haben, schlagen die Augen nieder. Sie sind geschockt.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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