Mon BERLIN : Wenn Meckerer begeistert sind

Pascale Hugues
Pascale Hugues schreibt für das französische Magazin "Le Point".
Pascale Hugues schreibt für das französische Magazin "Le Point".Foto: Tsp

François Hollande streckt auf dem Platz der Bastille die Arme gen Himmel; Hannelore Kraft steht in Düsseldorf mit Tränen in den Augen zwischen ihrem großen Ehemann und ihrem riesigen Sohn; Fortuna-Fans stürmen wie etwas zu früh losgelassene Raubtiere das Spielfeld; Stars stammeln bei der Oscar-Zeremonie in Los Angeles und bei der Lola-Verleihung in Berlin ihren Dank – in den vergangenen Wochen konnten wir mehrere heftige Freudenbekundungen erleben. Die Szenen ähneln sich: in die Luft geworfene Arme, Applaus, krampfhaftes Zittern, Hand vor dem Mund, Seufzen, hysterische Schreie, Umarmungen, Küsse, Tränen und noch mehr Küsse.

Jeder geht auf seine eigene Weise mit diesem kurzen Moment um, mit diesem Bruchteil einer Sekunde, in dem das Wahlergebnis auf einem gigantischen Bildschirm erscheint oder der Name des Gewinners aus einem versiegelten Umschlag auftaucht. Manche in Berlin danken „meiner Mama und meinem Papa“. Sie haben die 40 längst überschritten, und nun, die Lola im Arm, gleiten sie in einen regressiven Jubel zurück. Eher spießig und in ihre Sonntagskleidung gezwängt winken Papa und Mama im Saal ihrem Sprössling zu. Jean Dujardin, der den Oscar für die beste männliche Hauptrolle in „The Artist“ bekommt und losschreit: „Wow! Putain! Genial! Danke! I love you!“ Eine putain ist eine Nutte – je nach Kontext steht sie für große Bewunderung oder zärtliche Zuneigung. Ein wahres Begeisterungsgebrüll. Sicher das erste Mal, dass sich in das puritanische Amerika zwischen all die Smokings und Abendkleider eine putain eingeschlichen hat, triumphierend und lächelnd. Nur ein Frenchie konnte es sich erlauben, eine solche Grenzüberschreitung zu wagen.

Manchmal steigert die Spannung sich so unerträglich, dass man es einfach nicht mehr aushalten kann, weiter am Klappsitz zu kleben, kurz vor dem Herzstillstand. Die Fans von Fortuna Düsseldorf konnten die endlosen zwei Minuten bis zum Sieg einfach nicht mehr abwarten. Sie stürzten auf den Rasen und zündeten ihre Bengalfeuer, fast wie eine Horde Kinder, die die Tür zum Zimmer mit dem Weihnachtsbaum aufsprengen. Die Vorfreude ließ sich nicht mehr zurückhalten. Vorfreude … ein schönes Wort, es lässt sich nicht ins Französische übersetzen. Die Freude vor der Freude. Nicht mehr einschlafen können, im Morgengrauen erwachen, sofort in die Freude eingetaucht sein. Eine Ungeduld, ein Fieber, wie wir Erwachsenen es nicht mehr kennen. Außer vielleicht, wenn wir frisch verliebt sind, wenn wir einer großen Reise oder der Geburt eines Kindes entgegensehen. Aber schon lange ist es her, dass Weihnachten oder Geburtstag uns den Schlaf geraubt haben.

Diese entfesselten Begeisterungsausbrüche erlebt man in Berlin nur selten. Bevor der Berliner sich über irgendwas freut, gönnt er sich erst mal eine Runde Meckern. Oder genauer gesagt: Er überlässt sich dem Genuss, das Leben schwarzzumalen, die Nöte der Menschheit herunterzubeten, in seinem Tagesablauf einen überzeugenden Grund zum Maulen zu finden. Und über die heutige Zeit kann man auf tausenderlei Weise mäkeln: Das Wetter ist immer zu warm oder zu kalt, als könnte das Barometer sich in dieser Stadt niemals auf eine zivilisierte Temperatur einpendeln, das Scheitern von Schönefeld und das von Hertha … Der Berliner schimpft über alles, sogar über das Leben an sich. Und wenn er alle verfügbaren Themen abgearbeitet hat, beklagt er sich über die Berliner Manie, sich über alles zu beklagen.

Wenn der Berliner also in einen Freudentaumel verfällt, beschwört er weder seine Mama noch seine putain, sondern er lässt seinen Lippen ein schlichtes „Man kann nicht meckern!“ entschlüpfen. Das klingt, als wäre er fast ein wenig enttäuscht, dass ihm gerade seine Lieblingsbeschäftigung weggenommen wurde. Er findet sich nackt und nutzlos wieder. Man darf diese Skepsis der Berliner allerdings nicht mit Überheblichkeit verwechseln. Man darf nicht glauben, ihnen sei nichts gut genug oder sie könnten nie genug bekommen. Ich glaube, dass dieses merkwürdige Understatement eine Art Schamhaftigkeit ist. Eine Taktik, um das Schicksal nicht unnötig herauszufordern. Das Glück ruft Neider auf den Plan. Man kann den Zorn der Götter auf sich ziehen, wenn man vor der ganzen Welt zu viel Ekstase zeigt. Die Berliner haben schon ganz andere Zeiten erlebt. Sie wissen besser als jeder andere, dass Fortuna üble Streiche spielen kann.

Man kann nicht meckern – das ist der Höhepunkt des Berliner Enthusiasmus. Der Gipfel des Überschwangs. Stellen Sie sich Jean Dujardin vor, wie er vor tout Hollywood den Oscar als bester Hauptdarsteller entgegennimmt und ruft: „Ich kann nicht meckern!“

Aus dem Französischen

übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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