Mon BERLIN : Wenn Politiker zu viel schreiben

Kurt Beck und Franz Müntefering werden bald ihre Autobiographien veröffentlichen. Das ist nicht ungewöhnlich, ist die Zahl schreibender Staatsmänner doch beträchtlich. Der literarische Wert ihrer Arbeiten darf aber zumindest bezweifelt werden.

Pascale Hugues[Le Point]

Mitten in dem Orkan, der diese Woche die säuberlich geharkten Beete der deutschen Politik verwüstet hat, höre ich, dass Kurt Becks Autobiografie demnächst erscheinen wird. Schon der Titel bringt mich zum Träumen. Schlicht, schlagend, sexy: „Ein Sozialdemokrat“. Übrigens hat auch Franz Müntefering zur Feder gegriffen. Erste Auflage von „Macht Politik!“ (halten Sie sich fest!): 100 000 Exemplare.

Den ganzen Morgen habe ich versucht, Kurt Becks Verlag zu erreichen. Ich war nicht die Einzige. Die Leitung war ständig belegt. Schließlich hatte ich die Pressefrau am Hörer. „Alles ist im Gespräch, nachdem alles sich verändert hat“, vertraute sie mir in verschwörerischem Ton an. Ich wagte nicht, mich bei Münteferings Verlag zu erkundigen, woher diese 100 000 geheimnisvollen Leser denn wohl kommen sollen. 100 000 – das ist fast so hoch wie die Erstauflage der „Feuchtgebiete“. Allerdings habe ich so meine Zweifel, ob die programmatischen Überlegungen zur Zukunft der Sozialdemokratie im Zeitalter der Globalisierung das große Publikum ebenso leidenschaftlich erregen wie die Hämorrhoidenschmerzen und das Einreißen der letzten sexuellen Tabus.

Von Machiavelli bis Chateaubriand, von Goethe bis Churchill und De Gaulle … die Zahl der schreibenden Staatsmänner ist Legion, und das Werk der Herren Beck und Müntefering reiht sich gewiss in eine lange Tradition ein. Aber da hört der Vergleich auch schon auf. Seinerzeit hatten die Mächtigen etwas zu erzählen. Sie hatten rhetorisches Temperament, Humor, manchmal Weisheit und häufig echte politische Visionen. Winston Churchills zwölf Memoirenbände stehen im Regal jeder britischen Familie, die etwas auf sich hält. Ein mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnetes Werk. Heute glaubt jeder pensionierte oder von seinen Parteifreunden abgesägte Funktionär, er müsse uns seine tiefsten Gedanken und dazu ein paar dürftige Anekdoten aus dem Nähkästchen liefern. Als ich in den Ferien eine kleine Bergstraße entlangfuhr, hörte ich im Radio einen Text, den De Gaulle über den algerischen Unabhängigkeitskampf verfasst hatte. Ich hielt an und hörte eine halbe Stunde zu. Fasziniert. Wenn dagegen die Schriften der heutigen Politiker vorgelesen würden, so wäre ich wohl eher gezwungen, aufs Gaspedal zu treten und zur Sommerhitparade von Radio Monte Carlo zu wechseln.

Manchen schreibenden Präsidenten fehlt es an Feingefühl. Nehmen Sie nur Jacques Chirac, der kurz nacheinander zwei Bände unter dem fragwürdigen Titel erschienen ließ: „Mein Kampf für Frankreich“ und „Mein Kampf für den Frieden“. Glücklicherweise ist Chirac nie auf die Idee gekommen, seine Bücher ins Deutsche übersetzen zu lassen.

Andere Schöngeister haben sich auf recht abschüssige Wege verirrt. So etwa Valéry Giscard d’Estaing, der im Jahr 1994 einen erotischen Roman namens „Le Passage“ vorlegte. Die Handlung von „Passage“ ist klassisch: Ein alternder Notar verliebt sich besinnungslos in eine junge Anhalterin. Dem Buch war ein großer Erfolg beschieden. Wochenlang vergnügte sich ganz Frankreich damit, die „Stellen“ zu dechiffrieren und die Ähnlichkeiten mit realen Menschen des öffentlichen Lebens herauszufinden. Man wird Kurt Beck unendlich dankbar sein, dass er sich an die soliden Vorgaben der Kategorie Sachbuch gehalten und uns mit der Wiedergabe seiner sexuellen Fantasien in Romanform verschont hat! Nach 231 pikanten Seiten und einer bewältigten Midlife-Crisis hat Valéry Giscard d’Estaing sich in die Herausgabe der europäischen Verfassung gekniet. 880 entschieden vernünftigere Seiten.

„Le Passage“ ist bei Amazon noch lieferbar. Für 2,37 Euro. Lieferung kostenlos. Valéry Giscard d’Estaing ist Mitglied Nr. 16 in der Académie Française. Der Sessel wurde frei, als der Senegalese Leopold Sédar Senghor starb, auch er Präsident und Dichter. Aber ein richtiger. Ob Kurt Beck auf einen freien Sessel hoffen darf?

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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