Meinung : MON BERLIN Wer vermisst Mandy Müller?

Pascale Hugues

Zu gefährlich: Kreuzfahrten auf dem Nil, die Sardinen-Strände von Mallorca, der Salsa auf Kuba. Zu abenteuerlich: die deutschen Touristen-Busse, die in ganz Europa Rentnerinnen in grauen Parkas und rosa Dauerwellen abladen. Zu steil: die einsamen Gipfel, auf denen man sich am Ende der Welt glaubt, bis plötzlich ein kräftiger Schwabe mit prallen, behaarten Waden auftaucht. Attentate, Entführungen, Busunfälle, Sars, Börsencrash und Null-Wachstum. Dem deutschen Globetrotter sitzt die Angst im Bauch und das Heimweh im Herzen. Ab sofort verbringt er seine Ferien in den wohl behüteten vier Wänden seines eigenen Landes. Und wo könnte man einen brennend heißen Tag besser verbringen als im Strandbad Wannsee, in der Gesellschaft von halb Berlin? Nur zehn Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Sieben Euro für eine Familien-Tageskarte. Das Strandbad Wannsee ist eine sichere Option ohne nennenswerte Risiken.

Nur einen freien Strandkorb zu finden, ist ungefähr so wahrscheinlich wie ein Lottogewinn, also besser gleich verzichten und das Handtuch am Ufer des grünen, klebrigen Wassers ausbreiten. (Man braucht schon den Glauben an die Wasserkontrollkommission!) Ich finde mich eingeklemmt zwischen der triefenden Nase eines cholerischen Kindes und dem gepiercten Bauch einer lasziven Halbwüchsigen. Ein Quadratmeter Strand für einen Erwachsenen und zwei Kinder, der pure Luxus. 35 Grad und kein Fingerbreit Schatten: Ein berauschendes Freiheitsgefühl überkommt mich.

Eine kurze Analyse des Strandlebens lässt mich den Schluss ziehen, dass die Menschheit in zwei Gattungen unterteilt ist: blasse Fettbäuche und gebräunte Muskelpakete. Die Vertreter der ersten Kategorie haben nichts mehr zu verlieren: Sie brutzeln auf ihren Handtüchern vor sich hin und verschlingen tütenweise Pommes mit Ketchup. Die Vertreter der zweiten Gattung dagegen promenieren den Strand entlang, wölben ihre dreieckigen Oberkörper und rücken mit den Fingerspitzen ihre Vokuhila-Frisuren zurecht. Stringtangas und Buletten. Tattoos und Majo. Volleyball und Schundroman. Saurer Schweißgeruch und blondierte Strähnchen. Tom Jones überschwemmt den Strand mit seinen glühenden Sexbomben-Fantasmen. Meine Nachbarn zwingen mich, dem Rudi-Berti-Duell zu lauschen, das aus ihrem Ghettoblaster schallt. „Die kleine Mandy Müller sucht ihre Eltern!“, krakeelt plötzlich der Bademeister-Lautsprecher. Der ganze Strand hat Mitleid. Mandy, Kevin, Peggy und Angelina … man spaziert plötzlich auf dem Sunset Boulevard. Das Berliner Proletariat adelt seine Kinder mit den Vornamen internationaler Stars. „Mandy Müller hat ihre Eltern wiedergefunden!“ Erleichterung, der ganze Strand applaudiert und vergießt eine Träne.

Das Strandbad Wannsee ist das Herz von Berlin: ein rite de passage, ohne den man diese Stadt nicht verstehen kann, diese Entwicklung vom naiven Zille-Kosmos zur Open-Air-Version des Big-Brother-Containers. Entthront sind die Pyramiden und die Kastagnetten vom Ballermann. Das Strandbad Wannsee bietet sorglose Exotik, nur zehn Minuten vom Stadtzentrum entfernt.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Foto: privat

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