Mon BERLIN : Wo das Meer den Weihnachtsmann verschlingt

Pascale Hugues[Le Point]

Man braucht sich nicht in ein tibetisches Kloster zurückzuziehen oder auf nepalesische Achttausender zu klettern, um seine innere Harmonie wiederzufinden. O ja, nicht weit von Ihnen entfernt, in Berlin, gibt es ein Refugium, wo man sich verstecken kann, um dem tödlichen Tumult der letzten Tage vor dem Jahresende zu entfliehen.

Doch das Glück will verdient sein! Der Weg ist weit und mit Prüfungen gespickt, will man den himmlischen Frieden erreichen. Als Erstes muss man, zwischen anderen Körpern eingezwängt, in einem Doppeldeckerbus der BVG sein Leben aufs Spiel setzen, da, wo die Viren wie Schmetterlinge durch die Luft flattern. In einem gläsernen Fahrstuhlkäfig muss man Bungee-Jumping wagen, den dichten Dschungel der unter ihrem Lametta erstickenden Tannenbäume durchqueren und das Inferno der Spielzeugabteilung durchschreiten … Endlich die Belohnung: die Austerntheke in der sechsten Etage des KaDeWe.

Sechs kleine runde Tische, geschützt vor Menge, Raserei und Lärm, genau gegenüber der Fischabteilung. Nun heißt es sich es erst einmal bequem machen: Auf einem Hocker hoch über der ziellos umherschweifenden Menge Platz nehmen, tief Luft holen und ein halbes Dutzend fines de Claires bestellen. Zum Zeitvertreib ein paar Schluck kühlen Sancerre trinken. Gegenüber schuppen die Fischverkäufer mit ihren enormen Händen äußerst feinfühlig die Rotbarben aus dem Atlantik. Die schwarzen Mäuler der Waller aus der Müritz sind weit geöffnet. Fast ist man den hässlichen Zackenbarschen und den schaurigen Drachenköpfen dankbar, dass sie den Weihnachtskitsch stören. Hier steigt die bedrohliche Welt der Meerestiefe auf und verschlingt Jingle Bells und Weihnachtsmänner. Ah, da sind sie ja endlich! Sie ruhen auf einem großen weißen Teller: sechs Austern, die direkt aus den Weiten des Meeres um die Ile de Ré aufgestiegen sind. Die schöne Ile de Ré …

In den französischen Familien gehören die Austern und der Großonkel, den die Kinder aus den Augenwinkeln belauern, zu Weihnachten. Bei uns war es Onkel Julien, der alle Jahre wieder seinen Moment der Glorie auskostete. Er nahm sich Zeit, bis die Kinder am Ende der langen Tafel mit den Füßen scharrten. Und jedes Jahr begeisterte er uns mit seinem großen Zaubertrick. Onkel Julien holte ein großes weißes Taschentuch hervor, nieste wie ein Donnerschlag, drückte seine riesige Nase in den frisch gebügelten Stoff und entfaltete das Taschentuch unter den begeisterten und angewiderten Blicken der Kinder (und den wütenden Blicken seiner Frau): In der Stoffmulde lag eine schleimige, glatte, rotzgraue Auster. Die Kinder klatschten. Noch mal! Noch mal! Wutschäumend beschimpfte Onkel Juliens Frau ihren Mann als Widerling und stürmte aus dem Zimmer. Aber schon bald ging das Essen friedlich weiter. Die Kinder freuten sich auf das nächste Weihnachtsfest. Auf seine Art hatte Onkel Julien ihnen die Liebe zu den Austern beigebracht.

Natürlich würde niemand es wagen, in der sechsten Etage des KaDeWe ein so abstoßendes öffentliches Schauspiel zu bieten. Isst man ein paar Tage vor Weihnachten in einem Kaufhaus im Belagerungszustand Austern, so muss man diese Erfahrung mit Würde genießen. Im Übrigen eine heikle Übung. Ein echter Test der Tischmanieren: Zunächst spritzt man drei Tropfen Zitrone auf die klebrige Masse, die sich zusammenzieht. Lebt das Tier noch? Anschließend zerschneidet man den Muskel des Weichtieres mit der Gabel, setzt die Schale auf den Lippenrand und hopp, saugt man sie ein, leicht, aber entschlossen, ohne langes Zögern, man lässt die nunmehr widerstandslose Auster in seine Mundhöhle gleiten. Man behält sie einige Minuten im Mund und kaut sie sanft, bevor man sie hinunterschluckt.

Vergessen ist der süßliche Geruch von Schokolade und Zimtplätzchen. Es ist so, als würde der Ozean um die Tischbeine spülen. Die Austern wurden an den irischen Felsen geerntet. Sie stammen von den wilden Küsten der Bretagne und aus dem Becken von Arcachon. Sie riechen nach Seeluft, Jod, Weite, Freiheit. Austern essen, das ist, als würde man voller Freude an einem winterlichen sturmgepeitschten Strand ausschreiten. Weit weg von Berlin. Ein unerhörter Genuss. Die Zeit bleibt stehen. Der Stress lässt nach. Lange noch ankern wir an unserem Tisch wie ein Floß, das durch ein Wunder der tobenden See um uns herum entkommen ist. Joyeux Noël!

Aus dem Französischen

von Elisabeth Thielicke.

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