Mon BERLIN : Zurück zur Handtasche – am besten per Volksentscheid

Früher trugen die Frauen Handtaschen aus weichem Leder mit schmalen Trägern, die sie sich lässig über die Schulter warfen. Der Rucksack der Berlinerinnen ist das genaue Gegenteil davon - ein echter Bergsteigerrucksack aus wasserdichtem, reißfestem Material, rundherum mit Taschen versehen und mit breiten Trägern, die mehrere Kilo aushalten. Muss das sein?

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So praktisch! Doch weder elegant noch feminin.
So praktisch! Doch weder elegant noch feminin.Foto: dpa

Fällt es auch Ihnen auf, wenn Sie morgens aus dem Haus gehen? Berlin ähnelt einem 1000 Meter hoch gelegenen Dorf in den Berner Alpen. Falls Ihnen diese Assoziation nicht spontan kommt und Sie vielleicht am Frühstückstisch seufzen: Was ist das wieder für eine Spinnerei?, sollten Sie einmal einen Blick auf Ihre Straße werfen: Eine von drei Fußgängerinnen trägt einen Rucksack und bewegt sich mit wuchtigen und energiegeladenen Schritten voran, als wolle sie gleich die Eigernordwand erstürmen.

Kein Vergleich, nein, zu den modischen kleinen Rucksäcken vergangener Jahre, diesen Handtaschen aus weichem Leder mit schmalen Trägern, die man sich lässig über die Schultern wirft. In das rein dekorative Chichi passt nicht mehr als ein Schlüsselbund, ein Lippenstift und ein Mini-Portemonnaie. Der Rucksack der Berlinerinnen ist das genaue Gegenteil dieses Täschchens, das sexy auf der Schulter schwingt: Hier handelt es sich um einen echten Bergsteigerrucksack aus wasserdichtem, reißfestem Material, rundherum mit Taschen versehen und mit breiten Trägern, die mehrere Kilo aushalten.

Ganz unbestreitbar ist es seltsam, dass die Berlinerin diese sportliche Ausrüstung für den Weg ins Büro benutzt, zum Einkaufen, für einen Schaufensterbummel. Auf der Kastanienallee wimmelt es von vergnügten Wanderinnen, sie trällern vor sich hin, um nicht schlapp zu machen. Oder die Seilschaften, die sich mit ihren Wanderschuhen und ihren runden Waden über den Ku’damm ziehen. Die ganze Stadt im Alpenclub?

Praktisch, effizient und vollgestopft! Häufig frage ich mich, was diese Rucksäcke wohl enthalten mögen: einen Kompass, dieses primitive Navi, um sich im Dickicht der Straßen zurechtzufinden? Kletterseil, Gurt und Fels- und Karabinerhaken, um sich auf den überfüllten Bürgersteigen den Weg zu bahnen? Vielleicht eine Machete für das struppige Unterholz? Kochgeschirr, Taschenmesser und Zelt für ein Biwak auf dem Rasen eines Stadtparks? Ein Erste-Hilfe-Kasten für den Fall eines Sturzes oder einer Lawine? Natürlich gehört die unvermeidliche Plastikwasserflasche dazu, eine Art Babyflasche, damit man auch im Laufen nuckeln kann.

Meine Fantasie ist außer Rand und Band ... Wie gerne ließe ich mich auf den Grund dieser Höhle des Ali Baba sinken, würde sie erforschen, durchwühlen, alles unter die Lupe nehmen, ihre Nuggets ans Tageslicht befördern.

Die Handtasche spiegelt die Seele ihrer Besitzerin. Sie gewährt so vielen Geheimnissen Unterschlupf: eine Rechnung, eine Puderdose, etwas zu knabbern für zwischendurch, ein Medikament – Beweis einer Störung, die man lieber für sich behalten möchte –, der neueste Brief eines heimlichen Geliebten, eine Fahrkarte zu einem gewagten Ziel, ein Führerschein mit einem Foto aus einer anderen Zeit mit altmodischem Pony und einigen hartnäckigen Aknepusteln. Die Besitzerin würde geranienrot anlaufen, würde der Inhalt ihrer Handtasche unter den gierigen Blicken der Kollegen im Büro oder der Reisegefährten in der U-Bahn auf den Boden kippen.

Allerdings glaube ich nicht, dass der Rucksack derart aufregende Dinge birgt. Denken Sie etwa an die junge Berliner Mutter, die ihren Buggy schiebt, den Rücken unter dem Gewicht ihres Rucksacks gebeugt. Darin findet sich ein komplettes Wäscheset zum Wechseln, ein Satz Windeln, Pflegetücher, Waschlappen, Lätzchen, eine Salbe für den wunden Po, Hustensaft, diese elenden Reiswaffeln, die den Geschmackssinn ihrer Kinder auf ewig ruinieren, zuckerfreie Obstsäfte, Schnuller, Gläschen mit Biokarotten, salz- und geschmacksfrei … Genug, um mehrere Wochen auf einer Bergspitze auszuharren, während der Schneesturm tobt.

Dieser Gegensatz zwischen alpiner Ausrüstung und der topfbodenebenen Berliner Oberfläche hatte schon immer etwas Absurdes. Weder Felsen noch Eisüberzug, weder Gletscher noch Gipfel … Diese Stadt liegt auf Meereshöhe. Sie umgibt Ebene, so weit das Auge reicht, nur gelegentlich von der Kuppel eines meist künstlichen Zwerghügels unterbrochen, geformt aus Trümmern oder Erdmassen, die man nicht anders entsorgen konnte.

Sie sehen, worauf ich hinauswill: Ich schlage einen Volksentscheid für die Rückkehr zur Handtasche vor. Sie ist elegant und feminin, von menschlicher Größe, sie passt zur Stadtkulisse und erlaubt es ihrer Trägerin, frei und mit leichtem Schritt über das Trottoir zu flanieren.

Die Autorin schreibt für das französische Magazin „Le Point“. Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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