Meinung : Moral zum Nulltarif

Auf Eva Herman und Ashkan Dejagah kann man einhauen, ohne sich die Finger zu verbrennen / Von Henryk M. Broder

W ie in der Wirtschaft und in der Politik kommt es auch bei der Moral auf das richtige Preis-Leistungs-Verhältnis an. Mit einem Minimum an Einsatz soll ein Maximum an Wirkung erzielt werden. Da man zum Beispiel den Menschen das Reisen nicht verbieten und den Flugverkehr nicht einstellen kann, werden allerlei Zuschläge erhoben – für das Kerosin, für die Sicherheit, für die Platzreservierung. Seit kurzem können Fernreisende auch Ablasszertifikate kaufen, um so die von ihnen mit verursachten Ökoschäden durch CO2- Ausstoß zu kompensieren. Damit wird die Luft nicht sauberer, aber der Urlauber kann seinen Aufenthalt auf Phuket mit gutem Gewissen genießen – um den Preis einer Flasche Prosecco.

Denn auf das gute, das saubere Gewissen kommt es an. Werden irgendwo in der ostdeutschen Provinz ein paar Ausländer gehetzt und geschlagen, wird als Erstes festgestellt, dass der Vorfall „keinen ausländerfeindlichen Hintergrund“ hatte, erst danach werden die Täter ermittelt. Und wenn in Frankfurt mitten in der Stadt ein Mann niedergestochen wird, der äußerlich als Jude erkennbar ist, macht sich, noch bevor der Verletzte ins Krankenhaus eingeliefert wurde, die Sorge breit, der Vorfall könnte antisemitisch gedeutet werden und dem Ansehen der Stadt schaden.

Und dann gibt es noch die vielen Galas zugunsten hungernder, missbrauchter, vernachlässigter Kinder zwischen Hamburg und Hawaii, bei denen Menschen, die ihren Katzen und Hunden diamantenbesetzte Halsbänder kaufen, ein paar Euro spenden und sich hinterher total super fühlen, wie Albert Schweitzer in Lambarene.

Am schönsten aber ist es, wenn das gute Gewissen gebührenfrei zu haben ist. Erinnern Sie sich noch an den Fall des Berliner Bassgeigers, der auf einer Tourneereise mit dem Orchester der Deutschen Oper in einer Tel Aviver Hotelbar eine Getränkerechnung mit „Heil Hitler“ unterschrieb? Er wurde auf der Stelle gefeuert und in der deutschen Öffentlichkeit regelrecht geschlachtet. Dabei war er kein Nazi und kein Antisemit, er hat einfach den Wohlverhaltensdruck, unter dem er als Deutscher in Israel stand, nicht ausgehalten und mit einem geschmacklosen Witz überkompensiert.

Dagegen dauerte es etwas länger, bis sich die FDP von Jürgen W. Möllemann und die CDU von Martin Hohmann getrennt hatten, zwei profilierten Antisemiten, die mit ihren „kritischen“ Äußerungen zu Israel beziehungsweise Juden am rechten Rand punkten wollten. Denn die hatten, anders als der Bassgeiger, etliche Freunde in ihren Ensembles.

Und nun erleben wir wieder einen massiven Ausbruch wohlfeiler Moral, diesmal im Doppelpack. Eva Herman, die vom NDR wegen einer verquasten, vollkommen wirren und in sich widersprüchlichen Äußerung zur Familienpolitik der Nazis gefeuert wurde, steht derzeit am Pranger und wird von allen Seiten mit faulen Eiern beworfen. Vorgestern wurde sie bei „Kerner“ regelrecht vorgeführt, mit aktiver Hilfe solcher Kapazitäten für angewandten Antifaschismus wie Margarethe Schreinemakers und Senta Berger. Selber schuld, könnte man sagen, warum geht die Frau in eine Sendung, um die jeder Mensch, der ein Mofa fahren kann, einen weiten Bogen macht? Erstens, weil Frau Herman nicht besonders helle ist, und zweitens, weil sie Bücher schreibt, die sie bewerben will. Und da ist eine negative PR immer noch besser als keine. Deswegen muss man nicht allzu viel Mitleid mit der Moderatorin haben, aber dennoch die Frage stellen, warum ihr Verhalten solche Emotionen und Aggressionen mobilisiert.

Weil sie blond ist? Allein daran kann es nicht liegen. Weil sie über Dinge redet, von denen sie keine Ahnung hat? Das machen zwei Drittel aller Politiker und drei Viertel aller Journalisten. Weil sie Tabus angreift? Das machen auch Udo Walz, Claus Peymann und Verona Pooth, und sie werden trotzdem geliebt.

Nein, Eva Herman wird geprügelt, weil sie einen so banalen Anlass geliefert hat und weil jeder, der auf sie eindrischt, sich dabei wie ein aktiver Antinazi vorkommen darf – zum Nulltarif. Es wäre ein wenig mühsamer und riskanter, sich einer Horde NPD-Demonstranten in den Weg zu stellen oder einen Inder in Mügeln vor dem rasenden Mob zu schützen. Eine Gesellschaft, deren Wehrhaftigkeit sich in dem Satz „Nie wieder 33!“ erschöpft, braucht Ventile, über die sie Dampf ablassen kann, ohne sich dabei die Finger zu verbrennen. Da kommt Eva Herman wie gerufen.

Noch absurder ist der Fall des deutschen Nationalspielers Ashkan Dejagah, der nicht zu einem Länderspiel nach Israel reisen wollte. Statt sich krankzumelden, hat er „private Gründe“ angegeben: seine Familie in Teheran, die er nicht gefährden und die er gerne demnächst daheim und nicht in einem Gefängnis besuchen möchte. Das hat er nun davon: Der Vorsitzende des Bundestagssportausschusses fordert Dejagahs Ausschluss aus der Nationalmannschaft; der Präsident des deutschen Fußball-Bundes droht mit Konsequenzen; auch die Präsidentin des Zentralrates der Juden hängt sich weit aus dem Fenster, was immerhin so weit erfreulich ist, als man annehmen muss, dass die Juden sonst keine Sorgen haben.

Es handelt sich um einen klassischen Fall von Übersprunghandlung. Dejagah ist ein Ersatzwatschenmann. Man hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass der iranische Präsident die Welt vom Zionismus befreien und zu diesem Zweck Israel vernichten möchte. Man stört sich auch nicht daran, dass er Dissidenten, Homosexuelle und andere Staatsfeinde öffentlich hinrichten lässt, dass Ehebrecherinnen gesteinigt werden; ein politischer oder wirtschaftlicher Boykott Teherans würde vielleicht ein paar Menschen im Iran retten, dafür aber viele Arbeitsplätze in Deutschland kosten. Also reagiert man sich an einem Fußballer ab, der nicht nach Israel fahren will, wo man übrigens seine Haltung gut versteht.

Jetzt warten wir ab, bis Dejagah bei Kerner eingeladen wird, um von Olli Kahn und Stefan Effenberg in die Mangel genommen zu werden.

Der Autor ist Reporter beim „Spiegel“.

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