Moraldebatte : Geist ist ungeil

Schlechtes Benehmen und moralfreie Grobschlächtigkeit: In der Mitte der Gesellschaft gilt nur noch Kante statt Kant.

Michael Jürgs
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Der Autor, geboren 1945, ist Journalist und Publizist. In diesen Tagen ist von ihm erschienen: „Seichtgebiete. Warum wir...

Über den Wolken wohl darf Freiheit wirklich grenzenlos sein. Nur da. Es wäre wahrscheinlich doch sinnvoll gewesen, hätte man rechtzeitig dem ungestümen Drang nach Selbstverwirklichung ein paar Grenzen gesetzt und ein natürliches Schamgefühl gefördert und eingefordert, statt so etwas scheinbar Spießiges als Relikt bürgerlicher Konventionen zu verdammen. Hätte man Werte definiert, die unantastbar für alle, egal, in welcher Schicht sie sich bewegen, bleiben müssten, hätte man außerdem eiserne Reserven mit wirksamem Gegengift angelegt, um die Epidemie der ansteckenden Krankheit Verblödung selbst dann stoppen zu können, nachdem sie ausgebrochen war. Denn zu viele glauben, sich alles erlauben zu können, weil alle Tabus gebrochen sind. Die Parole, deren geniale schlichte Konsequenz in ihrer Wirkung sogar Blöden einleuchten dürfte, falls jemand sie ihnen erklären würde und es dabei schafft, sie so in ihre Sprache zu übersetzen, dass sie den Sinn verstehen, ist bekanntlich der Kategorische Imperativ des Philosophen Immanuel Kant. Demzufolge soll sich ein Mensch, egal, von welcher Geburt, und egal, zu welchem Stand erwachsen, grundsätzlich so verhalten, dass die Maxime des eigenen Handelns anderen ein Vorbild sei, in Kants Worten: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Grob vereinfacht müsste das der heutigen Zielgruppe von bestimmten Menschen etwa so erläutert werden: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.

Klar? Na klar.

Unterschichtler wie Oberschichtler, Ungebildete und Eingebildete, deutschstämmiges und Deutsch radebrechendes Volk eint aber im Gegenteil in einem von verblödeten Massen besetzten Flachland der Kampf gegen Klasse. Jedwede Geschmacksverletzung wird dabei selbstverständlich vorausgesetzt. Wer sich in diesem Klassenkampf voll krass danebenbenimmt, kommt unter seinesgleichen gut an. Schlechtes Benehmen ist die Voraussetzung, um überhaupt mitmachen zu dürfen, denn Rücksichtslosigkeit zählt sowohl zu den Pflichten als auch zu den Rechten. Insbesondere von denen wissen die verrohten Blöden vieles, auch wenn sie sonst nicht viel wissen und sich einen Teufel scheren um möglicherweise durch sie verletzte Rechte der anderen.

Kombattanten und Schlachtenbummler aus den verschiedenen Schichten unterscheiden sich zwar im Aussehen, im Auftreten, im Anspruch, im Ambiente. Die einen geben nur aus, was sie haben, weil ihnen anderenfalls der Schuldenberater von RTL in die Tür fällt, die anderen geben an mit dem, was sie besitzen, weil sie aus sich heraus sonst nichts zu sagen haben. Die einen haben durch die von Bankräubern der Oberschicht angestoßene Weltwirtschaftskrise ihren Arbeitsplatz verloren, die anderen die Hälfte ihres Vermögens. Die einen sind noch ärmer dran, die anderen nur ein bisschen weniger reich. Alle aber, sowohl die gemeinten Prolos wie die allgemeinen Protzer, gehören zum selben, nicht nur zum gleichen gemeinen Verein. In dessen Satzung steht eingetragen als Vereinszweck: Geist ist ungeil.

Was in diesem Geiste in trauter Eintracht rülpst, rotzt, rempelt, räsoniert, ist keine randalierende jugendliche Randgruppe, die man womöglich durch gezielte Schläge auf die Hinterköpfe zur Besinnung bringen könnte. Millionen von Vereinsmitgliedern, Alte und Junge, Frauen und Männer, haben sich bereits in die Mitte der Gesellschaft gepöbelt. Kleider machen da längst keine Leute mehr. Ihr Benehmen bestimmt nicht nur ihren eigenen Alltag, was akzeptabel wäre, solange sie unter sich blieben und sich gegenseitig antäten, was immer sie wollen.

Doch man trifft ihre Vertreter flachlanddeckend überall:

Den auf Bahnsteig 7 wartenden Reisenden erster Klasse, in feines Tuch gekleidet, der einem Verkäufer der Obdachlosenzeitung nicht nur keinen „Straßenfeger“ abkauft, sondern ihm zusätzlich ungefragt empfiehlt, sich eine anständige Arbeit zu suchen, statt anständig Arbeitende wie ihn zu belästigen, und anschließend laut räsoniert, man werde überall von solchem Pack angebettelt.

Das fettarschige Leggings-Mädchen, grob geschätzte sechzehn Jahre alt, das zunächst die Fahrgäste in der U-Bahn herausfordernd mustert, dann den Kaugummi aus dem Mund nimmt, an eine Haltestange klebt, noch mal kräftig Rotz hochzieht und sich zungenküssend seinem ebenfalls gepiercten Freund widmet.

Die silbern ondulierte Trenchcoat-Dame, der man den Bildung suggerierenden gespreizten kleinen Finger an der im Salon gereichten Teetasse anzusehen glaubt, bis sie diesen Eindruck von Wohlerzogenheit verblassen lässt, sich in der wartenden Schlange von Passagieren nach vorne rempelt und das nächstbeste Taxi besetzt, ohne sich um die Proteste zu kümmern.

Den jugendlichen Mitbürger mit Migrationshintergrund, Oberarme dick wie die Oberschenkel der Prinzessin aus dem Plattenbau Ost, Cindy aus Marzahn, der im Kino laut mampfend seine Tacos verzehrt, deren Geruch wenigstens den ihm eigenen überdeckt, einmal noch aus der Tiefe seines Seins einen gewaltigen Rülpser holt und, als er merkt, dass er im falschen Film sitzt, weil es einer mit Dialogen ist, „Scheiße, Alter“ pöbelnd die Vorführung verlässt.

An seinem rüpelhaften Benehmen in der Öffentlichkeit war einst treffsicher das Proletariat erkennbar. So schien es zumindest. Es wurde den Proleten aber gestattet, solange sie unter sich blieben und nicht störten in der bürgerlichen Welt. Sie tummelten sich eh lieber in der ihren. Sie wussten sich nicht besser zu benehmen, sie konnten gar nicht anders sein als so, wie sie waren, denn sie hatten nicht das Privileg einer guten Erziehung und einer umfassenden Bildung genießen dürfen. Sie waren also in solchen Fällen nicht schuldig.Wer von ihnen trotzdem aus eigener Kraft den Aufstieg von unten nach oben schaffte, wurde vom Volk bewundert. In der höheren Spielklasse einmal angelangt, spielten schlechte Manieren keine Rolle mehr.

Ausgehend von sichtbaren und hörbaren Manieren lässt sich heute nicht mehr sicher sagen, wer wohin gehört. Längst schon sind schlechtes Benehmen, Menschen beleidigender Umgangston und moralfreie Grobschlächtigkeit nicht mehr nur bei Proletariern typische Erkennungsmerkmale. Kante statt Kant bestimmt ebenso das Verhalten einer Oberregierungsrätin aus München, eines Sachbearbeiters aus Göttingen, eines Chefredakteurs aus Köln. Ob man Klasse hat, ist unabhängig von der Klasse, in die man geboren wurde und in der man aufwuchs. Das ist auch gut so – oder wie es im deutschen Sprichwort heißt: Jeder ist seines Glückes Schmied.

Bürger hielten sich zu anderen Zeiten, egal, wie schlecht es ihnen ging, was darauf zugute, in jeder Lebenslage wenigstens die Form zu wahren. Diese Haltung hatten sich viele vom Adel abgeschaut. Selbst die Blöden dieser beiden Stände, die zahlreich waren, aber wegen der den Alltag dominierenden Proleten nicht so auffielen, wussten zumindest, wo das Klavier stand, auch wenn sie nicht darauf spielen konnten.

Abgeleitet von ihren offenbar höchstpersönlich selbst bestimmten Rechten als bessere Hälfte von Besserverdienenden, die es sich finanziell leisten können, mit spritschluckenden Off-Roadern die Dschungel der Großstädte zu durchqueren, was gleichzeitig den Mitbürgern ihre herausgehobene Stellung beweist, parken freie Bürgerinnen ihre blechernen Dinos vor Kindergärten, in denen sie ihre lieben Kleinen abgeben, liebend gern in der zweiten Reihe. Das bezeichnen sie auf höfliche Nachfrage als ihre ureigenen Mütterrechte. Nur widerwillig unterbrechen sie dabei die Gespräche mit anderen Müttern, die hinter und vor ihnen auf gleiche Art ihre Autos abgestellt haben. Der Hinweis, dass sie den Verkehr aufhalten, in dem es gewisse Regeln gebe, und dass die für alle Autofahrer gelten würden, ohne Ansehen des Einkommens, werden in der Regel mit der Bemerkung gekontert, man sehe doch, dass sie als Mütter Wichtiges zu besprechen hätten, und außerdem hätten sie ja voller Rücksicht die Warnblinklampen eingeschaltet.

Dies ist jetzt keine frauenfeindliche Beschreibung alltäglicher Rücksichtslosigkeiten, denn auch bessergestellte Männer parken ihre Autos in gleicher Manier beim Bäckerladen, beim Zeitungsladen. Sie reden sich nicht heraus auf ihre Menschenrechte, wie es die Mütter tun, sondern kontern das Hupen von Geschlechtsgenossen, die nicht aus ihrer Parkbucht herausfahren können, prollig mit einem klassischen Satz des Pöbels: „Die paar Minuten werden Sie wohl warten können, Sie Nervsack.“

Und wo bleibt die Polizei, um Respekt vor Gesetzen einzufordern? Die muss sich zu oft selbst ihrer eigenen Haut wehren. Seit 1998 sind in Deutschland die Übergriffe gegen Polizisten um 20 Prozent gestiegen.Wobei auch Schubsen in dieser Statistik als Übergriff gilt. Geschah es früher noch öfters, dass sich eine angespannte Lage automatisch beruhigte, sobald Uniformierte nur auftauchten am Rande eines zur Schlacht bereiten Haufens, genügt heute immer häufiger bereits ein einziger Funke, um Auseinandersetzungen loszutreten. Das mit dem Funken ist wörtlich zu verstehen. Der Respekt vor seinen Beamten, klagt der Chef der Bundespolizei, Matthias Seeger, sei zwar ganz allgemein gesunken, allerdings besonders auffällig bei jugendlichen Migranten. Schon die Aufforderung an die, eine Zigarette zu löschen und die Funken auszutreten, führe zur Gewalt.

Rücksichtsloses Verhalten ist alltäglich. Handy-Terroristen laufen frei herum. Sie nerven im Restaurant, sie labern laut in überfüllten Zügen, sie belästigen ihre Mitmenschen am Strand, in den Bergen, und auch bei Trauerfeiern ertönt die Aufforderung an Carmens Torero, in die Schlacht zu ziehen. Sie sind von einem unstillbaren Mitteilungsbedürfnis befallen, sobald sie die heimische Höhle, ihre Wohnung, verlassen haben.Wer nicht dauernd erreichbar ist, auch wenn ihn niemand erreichen will, ist so gut wie tot.

Gegen Rücksichtslosigkeit könnte wohl besser rücksichtsloses Vorgehen helfen, und zwar bereits zu einem frühen Zeitpunkt, bevor aus der hemmungslosen Verblödung der Gesellschaft alltägliche Verrohung wächst. Der kategorische Imperativ hilft eher weniger. Den muss man erst einmal vergessen. Macht man sich aber nicht gemein mit gemeinen Rüpeln, falls man ihnen mit harter Kante begegnet, statt sie Kant zu lehren?

Macht man. In der Tat.

Deshalb ist diese Alternative, so befriedigend sie auch wäre, nicht erlaubt. Stattdessen müssen die Möglichkeiten ausgeschöpft werden, die jetzt schon per Gesetz geboten werden. Eine wehrhafte Demokratie hat nicht nur ein Recht, sondern die Pflicht, ihre friedlichen Bürger davor zu schützen, von unfriedlichen Prolos angepöbelt und belästigt zu werden.

Der Staat darf Flagge zeigen, wann immer er es für nötig hält. Falls seine Repräsentanten im Falle eines Falles wie dem des Massakers von Winnenden Rücksicht nehmen auf wort- und vor allem schussgewaltige Lobbyisten, weil Schützenbünde und -vereine ein gewaltiges Potenzial an Wählern mobilisieren können, sobald ihnen der Gesetzgeber an die gelagerten scharfen Waffen gehen will – geschätzt in privaten Haushalten rund acht Millionen! –, nennt man das Feigheit vor dem Feinde. Damit machen sie sich mitschuldig am nächsten Amoklauf. Sie sollten sich deshalb überlegen, was sie tun und schnell entscheiden.

Sonst werden es ihnen viele heimzahlen und zurückschießen. Gewaltfrei selbstverständlich. Mit der Waffe eines Wählers.

Dem Kreuz.

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