Meinung : „Moralisch sind die zivilen Opfer nicht gleich“

Christoph von Marschall

Warum wird so ein Mann Diplomat? Ihm fehlt das Verbindliche, er sucht die Konfrontation, handelt nach dem Sprichwort „Viel Feind, viel Ehr’“. Nun löste John Bolton Empörung aus mit seiner Sicht des Nahostkriegs. Die zivilen Opfer im Libanon stünden moralisch nicht auf der gleichen Ebene wie die in Israel. Die toten Libanesen seien bedauerliche, aber unbeabsichtigte Nebenwirkungen berechtigter israelischer Gegenwehr, die toten Israelis Opfer gezielter Terrorangriffe der Hisbollah auf Zivilisten.

Als polternder Konservativer, der die Welt in Gut und Böse einteilt, ist Präsident Bushs Mann bei den Vereinten Nationen bekannt. Seine Gegner erinnern stets daran, dass er nicht einmal die Rückendeckung des Kongresses habe. Im Senat blockierten die Demokraten seine Bestätigung im Mai 2005 mit einem „Filibuster“ – der Verhinderung des Debattenendes, sodass keine Abstimmung möglich war. Im Sommer nutzte Bush das Recht des Präsidenten, dringliche Ernennungen allein vorzunehmen, wenn das Parlament gerade Sitzungspause hat. So ist Bolton bis Januar 2007 im Amt, dann tritt der neu gewählte Kongress zusammen.

Doch Bush erwägt jetzt ein neues Bestätigungsverfahren im Senat. Einige Gegner haben ihre Meinung über Bolton geändert: Er mag hart und undiplomatisch sein, aber die Interessen der USA vertrete er gar nicht so schlecht, sagt der republikanische Senator George Voinovich, der 2005 eine wichtige Rolle bei Boltons Scheitern im Senat spielte. Selbst in Europa hat Bolton Fans. Schwedens Ex-Vizepremier Per Ahlmark hat Bolton gar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, weil er seit Jahren unbeirrt vor Irans Atombombenplänen warne.

Der 57-jährige Sohn eines Feuerwehrmanns wuchs im Arbeiterviertel von Baltimore auf, konnte dank eines Stipendiums an der Elite-Uni Yale Jura studieren und arbeitete für große Kanzleien. Unter Ronald Reagan und Vater Bush diente er in hohen Positionen den Ministerien für Justiz, Entwicklungshilfe und Außenpolitik. George W. Bush ernannte ihn 2001 zum Vizeaußenminister für Waffenkontrolle. Vehement vertrat er die Vorwürfe, Saddam arbeite an Massenvernichtungswaffen. Man sagt ihm eine sehr selektive Arbeitsweise nach: Informationen, die nicht ins Bild passen, wurden Minister Colin Powell vorenthalten. Es heißt, Condoleezza Rice wollte Bolton nicht in ihrer engsten Umgebung haben. So wurde er fortgelobt, zur Uno.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben