Meinung : Müder Tod

Die USA werden das Todesurteil nicht abschaffen – aber immer seltener umsetzen

Christoph von Marschall

Mehr als 600 Todeskandidaten sitzen in Kaliforniens Gefängnissen, in keinem US-Staat wurden seit Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 häufiger solche Urteile verhängt. Bei der Zahl der Hinrichtungen liegt Kalifornien dagegen im Mittelfeld. Tookie Williams, dessen quälend langsames Sterben gestern so viele empörte, war dort erst der zwölfte Verurteilte, an dem das Urteil vollzogen wurde. Doppelt so viele sind eines natürlichen Todes im Gefängnis gestorben. Es begehen auch mehr Todeskandidaten Selbstmord als exekutiert werden.

Ähnlich widersprüchlich sind die Zahlen auch bundesweit in den USA. Mehr als 3400 Mörder sind zum Tode verurteilt, die Zahl der Hinrichtungen hat einen Tiefstand erreicht: zwischen 50 und 60 pro Jahr. Das Todesurteil bedeutet für die meisten in der Praxis: lebenslänglich – freilich ohne die Aussicht auf Entlassung nach 15 Jahren wie in Deutschland üblich.

Was zwei Fragen aufwirft: Wieso dann überhaupt noch hinrichten, die behauptete Abschreckung kann bei der geringen Rate doch nicht funktionieren. Und: Warum wird nicht mal einer wie Tookie Williams begnadigt, der seiner Vergangenheit glaubwürdig abgeschworen und viele Jugendliche davon abgehalten hat, auf die schiefe Bahn zu geraten?

In Amerika bleiben Experten wie einfache Bürger von der Abschreckungswirkung der Todesstrafe fest überzeugt, auch aus bitterer Erfahrung. Zwei Mal hatten die USA die Todesstrafe de facto abgeschafft: zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss moderner Wissenschaften wie Psychologie und Erbforschung, die den Glauben an die persönliche Schuldfähigkeit relativierten; und 1967 im Zuge der Bürgerrechtsbewegung und der allgemeinen Liberalisierung. Beide Male stieg die Mordrate in der Folgezeit stark an, die meisten Einzelstaaten und der Bund führten die Todesstrafe wieder ein – und bald gingen die Mordraten wieder zurück. Da steht amerikanische Empirie gegen rationalen europäischen Zweifel.

Der Fall Tookie Williams zeigt einen weiteren grundsätzlichen Unterschied zwischen den Sichtweisen. Europa setzt auf Rehabilitierung Straffälliger, Williams ist ein klassisches Erfolgsbeispiel. In den USA spielt der Gedanke der Sühne eine größere Rolle. Für Mord zahlt man mit dem eigenen Leben. Gnade ist ein wichtiges, weil selten gebrauchtes Instrument. Es ist nicht gedacht, um ordentliche Gerichtsverfahren zu korrigieren, sondern als letzte Möglichkeit, wenn begründete Zweifel an der Schuld bestehen – oder der Täter außerordentliche Reue zeigt. Da lag die Barriere für Williams: Er bezeichnete sich als unschuldig an den vier ihm zur Last gelegten Morden, hat sich also auch nicht dafür entschuldigt. Für Gouverneur Schwarzenegger und die Öffentlichkeit gab es jedoch keine Zweifel an seiner Täterschaft.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass die USA die Todesstrafe eines Tages aufgeben. Aber wenn, dann nicht ein drittes Mal im Hauruckverfahren. Denkbar ist eher ein langsames Auslaufen ohne formalen Beschluss. Nicht nur die Zahl der Hinrichtungen, auch die der Morde ist zuletzt kontinuierlich gesunken. Eines Tages könnte es die Todesstrafe de iure noch geben – in der Praxis aber hieße sie für alle: lebenslänglich.

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