Meinung : München als Megafon

Von Elke Windisch

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Der Westen, allen voran Washington als dessen Führungsmacht, hat mit Wladimir Putin offenbar dieselben Kommunikationsprobleme wie einst mit Mudschahedin-Führer Gulbuddin Hekmatyar. Der kassierte nach Moskaus Einmarsch in Afghanistan von den USA Waffen, Geld und trostreiche Worte, machte seinen Paten im Westen aber klar, dass er sie für genauso verkommen wie die sowjetischen Okkupanten hält. Nur wollte das damals niemand hören. Mit den Folgen hat heute die Nato zu tun.

Auch aus Putins Sonntagsreden konnten Beobachter frühzeitig Anhaltspunkte für Russlands Sonderweg zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit finden. So sie diese finden wollten. Die meisten wollten nicht. Wortschöpfungen wie „gelenkte Demokratie“ oder „straffe Machtvertikale“ wurden als rhetorisches Zugeständnis an den Geschmack einer Nation verharmlost, die keine demokratischen Traditionen hat. Ansonsten kultivierte der Westen Wunschvorstellungen, wonach Russland im Klub der zivilisierten Nationen angekommen sei – auch, um die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen und die Investitionen westlicher Konzerne vor der eigenen Bevölkerung rechtfertigen zu können.

Alles, was dabei störte – Tschetschenien, die Chodorkowski-Affäre, der Rundumschlag gegen kritische Medien, gegen Opposition und Zivilgesellschaft, politische Morde und Moskaus neoimperiale Politik gegenüber seinen Ex-Vasallen –, wurde als Begleiterscheinung einer pubertierenden Übergangsgesellschaft heruntergespielt. Es ist daher tragikomisch, dass ausgerechnet Putin selbst seinen Amtskollegen bei der Münchner Sicherheitskonferenz jene Binde von den Augen reißen musste, die den Westen nach wie vor daran hindert, Russland so wahrzunehmen, wie es wirklich ist: als wiedererstarkte autoritäre Großmacht, die relative Stabilität im Innern und Rekordpreise für Öl und Gas dazu nutzt, auch außenpolitisch erneut in die Offensive zu gehen.

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