Meinung : Münchner Luft

Warum für Siemens-Chef Kaeser Berlins Flughafen erst in zehn Jahren fertig sein muss.

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Eine Woche ohne schlechte Nachrichten von der Flughafenbaustelle im Süden der Stadt? Das wäre eine ungewöhnliche Woche geworden. So erfüllt die Meldung, die Flughafengesellschaft habe Berater ausgetauscht, weil die ohne die notwendige Ausschreibung beschäftigt wurden, schon fast eine Erwartungshaltung. Dass Hartmut Mehdorn im Ehrgeiz, sein „Sprint“-Programm zur beschleunigten Teilinbetriebnahme des Airports schnell anlaufen zu lassen, auf eine europaweite Präsentation des Vorhabens verzichtete, kann man verstehen.

Die eigentliche Überraschung für die Berliner Welt der Luftfahrt aber kommt diesmal aus München, und die hat es wirklich in sich. Der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, Joe Kaeser, erzählte Studenten der Technischen Universität München, wann der Berliner Flughafen fertig werde, sei „nicht relevant“. Im Moment würde er nicht gebraucht, und es reiche völlig, „wenn er in fünf bis zehn Jahren eröffnet wird“.

Nun ist diese Ansicht des Chefs eines technologischen Weltkonzerns über den zeitlichen Ablauf von Großprojekten an sich schon erstaunlich. Es klingt ein bisschen so, als sei es normal, die Bauvorhaben des 21. Jahrhunderts in den Zeitvorgaben des Mittelalters abzuwickeln und die termingerechte Fertigstellung bei der Auftragsvergabe eher ein Kriterium dritter Ordnung. Aber Siemens ist eben auch einer der großen Auftragnehmer auf der BER-Baustelle. Der Konzern hat sich gerade verpflichtet, innerhalb von 18 Monaten das Zusammenwirken aller technischen und elektronischen Komponenten der Brandschutzanlage umzusetzen. Die nicht funktionsfähige Entrauchungsanlage auf dem Flughafen aber war es vor allem, deretwegen der letzte Eröffnungstermin gekippt werden musste. Ab wann die 18-Monats-Frist läuft, ist noch nicht definiert. Aber man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass die drei Gesellschafter Bund, Berlin und Brandenburg mit einer Inbetriebnahme des Hauptstadtflughafens nicht erst in fünf oder zehn Jahren, also 2018 oder 2023 rechnen. Was also ist die Botschaft, die Joe Kaeser vor den Studenten der TU München loswerden wollte?

Verantwortungsloses Gerede sollte man nicht unterstellen. Aber natürlich geben sich auch sehr weltläufige Menschen in entspannter Atmosphäre gelegentlich etwas lockerer, ohne die Wirkung dessen zu bedenken, was sie da sagen.

Für den Chef von Siemens, das einmal ein Berliner Weltunternehmen war, bis durch die Folgen von Weltkrieg und Teilung Deutschlands das Herz des Unternehmens nach Bayern verpflanzt wurde, ist der Flughafen München so etwas wie der Heimatflughafen des Gesamtkonzerns. Anders als von Berlin kann man von München in alle Welt fliegen. Das brauchen die Siemens-Manager. Was sie nicht brauchen, ist ein Berliner Drehkreuz, das dem aus allen Nähten platzenden Flughafen München Fernverkehr absaugen könnte. Also hat aus reiner lokalpolitischer Siemens- Sicht der neue Berliner Flughafen noch fünf oder zehn Jahre Zeit – bis in München die heiß gewünschte dritte Start- und Landebahn alle juristischen und baulichen Hindernisse überwunden hat. Dann aber kann einem Berlin egal sein – wenn man Chef von Siemens ist.

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