Müntefering : Der Sozialdemokrat

Individualität, Solidarität – Diener, Einzelgänger: Keiner verkörpert die Problemstellungen der SPD besser als Franz Müntefering. Aber er ist nicht nur Produkt seiner Partei, er fordert sie neu heraus - mit den Träumen aus der Jugend der Sozialdemokratie.

Tissy Bruns
Franz Müntefering
Franz Müntefering. -Foto: dpa

"Sagen Sie/
Ihm, dass er für die Träume seiner Jugend/
Soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird …"
Friedrich Schiller, Don Carlos

Die Metapher vom Urgestein ist beliebt bei Journalisten, wenn unter den stets zu kritisierenden Politikern einer beschrieben werden muss, dem man die Anerkennung nicht versagen kann. Dazu gehört fraglos Franz Müntefering, vormals Industriekaufmann, SPD-Chef und Vizekanzler, erneut SPD-Chef, Politiker mit einer so ungewöhnlichen Laufbahn, dass es nachträglich verwundern muss, wie das Etikett des Parteisoldaten je an ihm haften konnte.

Urgestein, das ist eine sichere Nummer. Die Journalistin hat den Politiker auf einen guten Begriff gebracht und bleibt kritische Betrachterin, weil Urgestein ja immer auch sagt: früher, damals. Der Begriff schreibt einen ab in die Vergangenheit. Die beschäftigt meinen Berufsstand so viel oder wenig wie die Zukunft. Unseren Takt bestimmt die Gegenwart, und deren Tempo lässt uns in Wahrheit keine Zeit für ernsthaften Rückblick oder Vorausschau.

Unser Blick auf die frühe Sozialdemokratie hat oft etwas Abschätziges. Wir sind Leute, die von der Warte der Freiheit und selbst bestimmter Lebenswege, der guten Einkommen und Sicherheiten auf Menschen zurückblicken, die in Enge, Not, Bedrückung lebten. Wir sehen in ihnen die kleinen Leute, die wir selbst nicht sein möchten. Wir sind Solitäre, Individualisten, die auf die Solidarität der Hinterhöfe nicht angewiesen sind.

Franz Müntefering ist Sozialdemokrat, und die Sache mit dem Urgestein ist gleichzeitig Unfug, wahr und reine Verlegenheit. Unfug, weil die SPD 145 Jahre alt ist. Müntefering, Jahrgang 1940, gehört nun einmal zur jüngeren Hälfte der langen Generationenkette, die SPD heißt. Wahr, weil Müntefering tatsächlich etwas aus der Frühgeschichte dieser Partei in die Gegenwart trägt. Es ist nicht leicht zu greifen. Wir Beobachter neigen dazu, die „Seele“ der SPD nach den Verhältnissen zu beurteilen, in denen ihre frühen Protagonisten lebten – klein, eng und bedrückt. Und nicht nach ihren Hoffnungen und Sehnsüchten, die groß und hochfliegend waren. Und reine Verlegenheit drückt sich im Begriff vom Urgestein aus, weil es ja ohnehin sinnlos ist, die Aura entschlüsseln zu wollen, die einen wie Müntefering umgibt.

Diese Verlegenheit wird nicht geringer, wenn man das ungewöhnliche Berufserlebnis hat, mit diesem Politiker lange Gespräche „über das Ganze“ (Müntefering) zu führen. Ich muss bekennen, dass ich zur frühen SPD ein durch und durch romantisches Verhältnis habe. Meine Lieblingsgeschichte aus der Zeit der Arbeiterbildungsvereine ist die von den zehn Zigarettenarbeitern, die sich ihre Arbeit so aufteilen, dass neun das gesamte Pensum wegarbeiten, damit der Zehnte ihnen gleichzeitig vorlesen kann. Das Pathos der Arbeiterbewegung von Freiheit, Selbstgestaltung und Kampf hat meine Kindheit beflügelt. Und weil ich ihn als junge Erwachsene für viele Jahre an den kommunistischen Irrweg verraten habe, bin ich nicht frei von Schuldgefühl gegenüber den Sozialdemokraten, die immer die Freiheit wollten.

Die Sozialdemokratie, die weiß, dass man ganze Welten gewinnen kann, wenn man sich anstrengt und kämpft, für sich selbst und für andere, diese SPD verkörpert Franz Müntefering. Aber erst durch einen Schatten entsteht das ganze Bild: Weil er selbst nicht ohne Fehl ist, weiß Müntefering, dass man diese Ideale auch auf unschuldige Weise verraten kann. Durch Realitätsverweigerung, Besitzstandsdenken, Egomanie, geistige Bequemlichkeit. Das ist, wenn man die SPD von heute ansieht, leider wahr. Die SPD der letzten Jahre trägt wenig Achtung für die Träume ihrer Jugend.

Müntefering neigt nicht zu romantischen Betrachtungen. Sagt er jedenfalls. Verwegen ist es aber doch, wenn er sich als Politiker herausnimmt, im Gespräch mit einem Rundfunkredakteur (der darüber entsetzt aufgeschrien haben soll) den Existenzialisten Camus zum Sozialdemokraten zu erklären. Politiker sind vorsichtig mit öffentlichen Bemerkungen zu kulturellen Fragen. Wer einmal Elke statt Else Lasker-Schüler sagt, ist beim deutschen Feuilleton erledigt für alle Zeit. Helmut Kohl hat es zu spüren bekommen, Gerhard Schröder hat sich vorsorglich als ungebildeter ausgegeben, als er war. Angela Merkel spielt die Bayreuth-Karte und sonst keine.

Münteferings öffentlicher Umgang mit Bildungsgut und höheren Werten zeigt ein geerdetes Selbstbewusstsein und einen Charakter, der unbeeindruckbar ist von Effekten, Bluff und Blenderei. (Was wiederum nicht heißt, dass er diese Mittel nicht selbst gelegentlich einsetzt.) Albert Camus ist einer der wichtigsten Autoren, die dem jungen Müntefering eine Welt öffnen, die das Elternhaus im sauerländischen Sundern nicht vorgegeben hat. Die Lebensjahre zwischen 18 und 25 sind Münteferings Lesezeit; seine Lehrjahre hat er da schon hinter sich. Als der 14-Jährige die Volksschule verlässt, ist es schon Aufstieg, dass er nicht in die Fabrik muss, sondern Industriekaufmann lernt. Es wurmt ihn, dass andere aus seiner Klasse Abitur machen und studieren können, die nicht klüger sind als er, aber Eltern mit dem nötigen Geld haben.

Müntefering liest ohne Vorbild und Anleitung. Seinen Vater, den er klug nennt, hat er, abgesehen vom Gesangbuch, nie mit einem Buch in der Hand gesehen. Die Mutter, erzählt er einmal, sieht mit den Büchern Gefahren für den Sohn heraufziehen, Selbstzweifel und Verunsicherungen. Diese Mutter wusste offenbar etwas über die Macht von Büchern; sie möchte den Sohn schützen. Vergeblich. In der tiefen Provinz, in der ersten Hälfte der 1960er Jahre spürt ein junger Erwachsener katholisch-konservativer Herkunft, dass sich die Zeiten ändern und dass er sie ändern will. Er wird SPD-Mitglied, als die SPD 1965 die Wahl verloren hat. Berufspolitiker wird er zehn Jahre später, als er in den Bundestag nachrückt. Und ein bekannter Spitzenpolitiker erst mit über 50 Jahren, als Minister in Nordrhein-Westfalen, als Bundesgeschäftsführer, als Bundesminister, als SPD-Generalsekretär. Nie habe er sich in Ämter gedrängt, sie seien immer zu ihm gekommen. So wird er SPD-Vorsitzender und Vizekanzler. Er will die Macht und er kann sie loslassen. Der Vizekanzler tritt im November 2007 zurück, um seiner schwer kranken Frau bis zu ihrem Tod im Juli 2008 beizustehen.

Müntefering gewährt sorgfältig dosierte Einblicke in seine Person. Auch, um von sich ein anderes Bild als das des strengen, kühlen Einzelgängers zu zeichnen. Was der junge Müntefering bei Camus findet, erzählt der arrivierte Politiker in den letzten Jahren in mehreren Interviews. Camus habe für ihn eine Schlüsselgeschichte geschrieben. Menschen suchen einen einsamen Philosophen und finden ihn in einer Kammer mit einer Leinwand, auf der ein Wort steht. Aber wie heißt es? „Solitaire“ oder „solidaire“? Einsamkeit oder Gemeinschaft, Individualität oder Solidarität?

Camus, da darf man Müntefering folgen, ist tatsächlich Sozialdemokrat. Die Spannung zwischen Individualität und Solidarität beschreibt ja nichts anderes als das größte Problem einer Sozialdemokratie, die nicht mehr die Hinterhöfe überwinden, sondern den modernen Sozialstaat gestalten will.

Nebenher ist die wabernde Schrift natürlich ein präzises Porträt des Sozialdemokraten Müntefering, der sich, Einzelkind und Einzelgänger, als einen bezeichnet, der immer ein „Alleiner“ war. Und gleichzeitig erster Diener der SPD und loyaler Partner eines sozialdemokratischen Bundeskanzlers, einer, der die Fähigkeit zur Demut als eine Eigenschaft selbstbewusster Menschen definiert. Der als Parteichef seine Karten eng am Körper geführt hat. Der lakonisch antwortet, er sei nicht so der Kumpeltyp, als Gerhard Schröder im Interview sagt: „Ich hätt' ihn gern zum Freund.“ Der sich bis an die Leidensgrenze in der Politik und für die SPD verausgabt – und sich doch nicht immer der politischen Rationalität unterwirft, sondern seiner eigenwilligen inneren Uhr folgt.

Die Geschichte kursiert in den Tagen nach seinem Rücktritt vom SPD-Vorsitz im November 2005: Wie der 18-jährige Müntefering die neuen Fußballschuhe für immer an den Nagel hängt. Denn er hat vor dem Spiel erklärt: Wenn wir heute nicht gewinnen, ist für mich Schluss. Am Ende ein unglückliches 1:1. Müntefering gibt den Fußball auf. Die Anekdote macht die Runde als Beleg für eine Entschiedenheit, die sich im Drama um den Parteivorsitz wiederholt. Als eine Mehrheit in der SPD-Führung einen anderen Generalsekretär als den von Müntefering gewünschten vorschlagen will, tritt er zurück. Die öffentliche Meinung fällt über die Frondeure um die Parteilinke Andrea Nahles her, die angibt, sie habe den Warnschuss nicht gehört. Andere im SPD-Vorstand offenbar auch nicht.

Ob Müntefering dem deutschen Fußball viel gegeben hätte, kann verneint werden. Der Gedanke, ob es für die SPD nicht besser gewesen wäre, wenn er 2005 Parteichef geblieben wäre, ist jedoch erlaubt. Wahr ist, dass sich in beiden Fällen ein Mensch zeigt, der äußerst konsequent sein kann. Aber zeigen sie nicht auch, dass dieser Mann die Entscheidung nicht so in die eigene Hand nehmen wollte, wie er es hätte tun können? Warum einen Sieg beschwören, den er allein nicht herbeiführen kann? Warum kein Warnschuss, keine Rücktrittsdrohung, als in den Zeitungen längst vorgerechnet wird, dass sein Personalvorschlag scheitern könnte? Waren das nicht auch Situationen, in denen der sauerländische Katholik sich erlaubt, so etwas wie ein Gottesurteil zu suchen? Was klug sein kann, denn in der Politik kann man seine Karten leicht überreizen.

Im Sommer 2005 räumt Müntefering in den Tagesthemen einen Autoritätsverlust ein. Schröder hat in Absprache mit Müntefering nach der verheerenden Niederlage in Nordrhein-Westfalen vorgezogene Neuwahlen angekündigt; in der SPD-Bundestagsfraktion steht alles in Flammen. Der SPD-Chef verlangt von den Abgeordneten die vorzeitige Aufgabe ihrer Mandate und der Regierungsmacht, ausgerechnet Müntefering, dessen Ehrgeiz in allen Ämtern doch immer gewesen ist: Diese Partei, die aus den Quartieren der Unterdrückten kommt, sie soll regieren wollen. Dieser Müntefering setzt das Eingeständnis von Führungsschwäche als Machtmittel ein, um den schwierigen Weg zur Vertrauensfrage möglich zu machen.

Und es entspricht keineswegs der Parteiraison, als er 1998, nach dem Wahlsieg, während der Regierungsbildung ein wildes Machtspiel von Oskar Lafontaine kurzerhand unterläuft. Lafontaine, damals SPD-Chef und designierter Superfinanzminister, will Rudolf Scharping, den er 1995 aus dem Vorsitzenden-Amt geputscht hat, aus dem Fraktionsvorsitz vertreiben. Gerüchte über Müntefering als Nachfolger kommen auf, die der nach kurzer Zeit beendet. Er stehe nicht zur Verfügung. Das war anständig, funktional war es nicht unbedingt. Denn am Ende von Lafontaines Rankünen finden sich Müntefering wie Scharping auf der Regierungsbank wieder, Müntefering als Verkehrsminister, als der er seine eigentlichen Stärken gar nicht ausreizen kann. Erst nach Lafontaines Rückzug ordnet Schröder als SPD-Chef die Führung neu. Müntefering wird SPD-Generalsekretär, ein Amt, das eigens für ihn geschaffen und mit viel Einfluss ausgestattet wird.

Der vermeintliche Parteisoldat war immer Individualist, der die ungewöhnliche Eitelkeit pflegt, selbst in den höchsten Sphären der Macht als Mensch zu bestehen, der seinen eigenen Maßstäben folgt. Er ist damit Produkt eines langen sozialdemokratischen Kampfes. Die Genossen sind nicht mehr Rädchen im Getriebe einer Klasse oder Schicht. Sie haben erreicht, dass jeder seinen Weg gehen kann: „Die Individualisierung ist eine Erfolgsgeschichte“, sagt Müntefering.

Aber kein Endpunkt. Dass Globalisierung und Demografie die SPD neu fordern, dass sie nicht stehen bleiben kann, wenn die Verhältnisse sich ändern – in diesen Fragen zeigen sich ja nur die Herausforderungen der Außenwelt. Sie sind schwierig genug. Das innerste Problem der SPD ist jedoch, dass Solidarität und politischer Kampf nicht mehr von den Zwängen der Verhältnisse angetrieben werden. Sind freie und starke Individuen fähiger zur Solidarität als die Unterdrückten? Das behauptet Müntefering. Damit ist er nicht nur Produkt seiner Partei; er fordert sie neu heraus. Die SPD, wenn sie die Träume ihrer Jugend achten will, muss es darauf ankommen lassen, dass er recht hat.

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