Meinung : Müssen Berliner für Touristen hinten anstehen?

Foto: David von Becker
Foto: David von Becker

„Muse und Masse“ vom 19. November

Ich bin nicht die einzige, die sich über das Management der Ausstellungsleitung „Gesichter der Renaissance“ ärgert. Wenn es so ist, dass nur 300 Besucher sich in den Ausstellungsräumen aufhalten dürfen, dann ist klar, dass die Besucher sich nicht unbegrenzt dort aufhalten dürfen – auch in anderen Ausstellungen gibt es vorgegebene Zeitfenster. Dann ist auch zu übersehen, wie viele Eintrittskarten wann verkauft werden können. Dann kommt es nicht zu der ärgerlichen Situation, in einer Schlange zu warten und die Auskunft zu bekommen: vielleicht gibt es um 18 oder 19 Uhr noch Karten. Und: müssen denn schon Monate vorher – wenn die Berliner kaum wissen, dass es diese Ausstellung geben wird – Karten an Reise- und Busunternehmen verkauft werden? Ist das Museum der verlängerte Arm der Tourismuswerbung? Ich habe den Verdacht, die Ausstellungsmacher wollen sich mit langen Besucherschlangen brüsten. Für mich ist Schlangestehen ein Relikt der Notzeit, das hatten wir zu Genüge - heute ohne mich! Also bitte vermeiden! Event hin, Event her und Werbung für neue Besuchergruppen - auch mit der „Langen Nacht“ -, aber muss deshalb der Schauplatz Museum gestrichen werden? War es nicht schön, eine Lesung im Pergamonmuseum oder im Bröhanmuseum zu hören? Eva-Maria Birth, Berlin-Lichterfelde

Sehr geehrte Frau Birth,

wir freuen uns, dass Sie die Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ im Bode-Museum besucht haben und sich kritisch mit dem Besuchermanagement auseinandersetzen. Zu Ihren Überlegungen hinsichtlich des Ticketmanagements möchten wir folgende Dinge genauer erläutern: Aufgrund der hohen Qualität der Exponate und der herausragenden deutschlandweiten Berichterstattung hatten wir einen überwältigenden Besucherandrang – der uns sehr freut, der uns unter den gegebenen musealen Rahmenbedingungen aber auch vor große Herausforderungen stellte. Die Ausstellung selbst konnte aufgrund von konservatorischen und sicherheitstechnischen Vorgaben nur von 300 Besuchern gleichzeitig gesehen werden. Das von Ihnen angeregte Besuchermanagement mit Zeitfenstern ist bei solch starken Publikumsmagneten und sehr begrenzten Besuchskapazitäten keine optimale Lösung.

Bei den gegebenen Öffnungszeiten (10-18 Uhr), der durchschnittlichen Verweildauer von 1,5 Std. und einer Kapazität von gleichzeitig 300 Besuchern in der Ausstellung könnten wir mit den von Ihnen gewünschten Zeitfenstern maximal 1.500 Besucher täglich in die Ausstellung einlassen. Mit unserem flexiblen System konnten wir selbst an den „kurzen Tagen“ deutlich mehr Menschen den Genuss der „Gesichter“ ermöglichen – im Schnitt waren es mindestens 2 000! Im Schnitt 500 Besucher mehr mag Ihnen wenig erscheinen, aber bei 86 Ausstellungstagen sind das in Summe bereits 43 000 Menschen mehr, die diese Ausstellung sehen konnten. Der zweite Punkt ist, dass wir bei Zeitfenster-Tickets, die man bereits für alle Ausstellungstage im Voraus kaufen kann, mit Sicherheit das Problem gehabt hätten, dass die Ausstellung nach dieser enormen Berichterstattung schon nach wenigen Tagen komplett ausverkauft gewesen wäre. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele in ganz Europa, und die Enttäuschung der Besucher kann man nur zu gut verstehen. Mit unserem System hatte man nicht nur jeden Tag wieder von neuem die Chance dabei zu sein, wir haben auch einem Schwarzmarkt vorgebaut, der, so wissen wir von „MoMA“ und den „Schönsten Franzosen“, unglaubliche Blüten treiben kann. Zu Ihrer Kritik, dass solche Ausstellungen nur für Touristen gemacht werden. Das ist natürlich nicht wahr, aber es bleibt trotzdem Realität, dass der Tourismus für Berlin ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist. Und zur Anziehungskraft unserer Stadt tragen wir als Kulturdienstleister natürlich gerne bei – auch für die Berliner, die durch den Tourismus zahlreiche Arbeitsplätze erhalten. Aber nicht nur Touristen buchten weit im Voraus Ihre Tickets, wir hatten auch ca. 40 Prozent Berliner unter den Frühbuchern der Earlybird-Tickets. Die langen Öffnungszeiten bis 22 Uhr haben wir insbesondere für die Hauptstädter eingerichtet, speziell am Sonntagabend waren die meisten Touristen bereits auf der Heimreise, und es gab fast immer direkten Einlass ohne Wartezeiten... Schlangen vor dem Museum zu vermeiden liegt auch uns besonders am Herzen. Gerade aus den Erfahrungen, die wir bei der MoMA-Ausstellung 2004 sammeln konnten, entstand die Idee zu einem Ticketsystem, durch das die Schlange nur noch virtuell sichtbar wird. Trotzdem ist jede Ausstellung aufgrund ihrer individuellen Rahmenbedingungen (und dazu zählt übrigens auch das Publikum) immer wieder eine neue Herausforderung an das Besuchermanagement. Ihre Verärgerung ist von außen betrachtet zu verstehen, und so hoffen wir, mit diesen Erläuterungen Ihr Verständnis vergrößert zu haben. Wir erwägen hier zahlreiche Maßnahmen, um vielen Menschen den Genuss der wunderbaren Exponate zu ermöglichen – das ist immer unser oberstes Ziel. Bei dieser Ausstellung waren es am Ende sogar 250 000. Aber unter Wahrung der musealen Rahmenbedingungen ist die dafür beste Lösung nicht immer die scheinbar einfachste – ein gutes Besuchermanagement ist wahrlich komplex!

Dr. Katharina von Chlebowski

Geschäftsführerin

Museum & Service

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