Meinung : Müssen wir Israel verteidigen?

Seit einem Monat antwortet der jüdische Staat auf die Bedrohung durch die Hisbollah mit militärischer Gewalt. Auch nach der UN-Resolution soll die Bodenoffensive weitergehen. Zeit zum Meinungsstreit

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PRO

Von Thomas Lackmann

Ich weiß nicht, ob ich ein feiger Mensch bin. Jedenfalls ist es schwierig geworden, vor Bekannten oder Kollegen Israel zu verteidigen; die würden sagen, das liege an Israel. Ich vermeide das Thema lieber, es ist ein blödes Gefühl, mit seiner Meinung allein zu stehen. Journalistische Ichhuberei mag ich übrigens nicht, aber hier muss das vielleicht sein.

Ich bin Jahrgang 54. Mit 13 habe ich pazifistische Gedichte geschrieben. Nicht die Frage an den Wehrdienstverweigerer, was ich tun würde, wenn eine Bombe auf meine Freundin fiele, hat meinen Pazifismus relativiert, sondern Information über den Holocaust. Dieses Thema prägte auch mein Verhältnis zu Israel: ein Land, als dessen negativer Gründungsmythos der Mord an Europas Juden angesehen wird; darin vergleichbar derBundesrepublik, in der aber viel mehr vom Holocaust geredet wird als in Israel.

In den letzten Jahren wurde mir klar, wie verquickt obligatorischer Philosemitismus und untergründiger Antizionismus hierzulande sind. Über linken Antizionismus ist vor Jahren viel philosophiert worden. Die Psychothese war, dass die Rebellen gegen ihre Nazi-Väter aufstanden, zugleich aber deren Demütigung rächen wollten – an Israel. Dieses umgeleitete Ressentiment hat sich mit den 68ern nicht erledigt: So erleichtern sich nichtjüdische Deutsche in der Philosemitismus-Falle.

Es geht nicht nur um Stammtisch-Parolen. Reden wir von dem gutbürgerlichen Berliner Inforadio. Seit Jahren fällt mir auf, dass in diesem Sender Kausalitäten und Akzente beim Thema Nahost antiisraelisch montiert werden. Meldungen kann man so oder so aufbauen. Dieser Tage, in einem Kriegsbericht, hieß es zu dem israelischen Statement, man habe auf Angriffe reagiert, sinngemäß: „als könnte in diesem Konflikt überhaupt Aktion und Reaktion auseinandergehalten werden!“ Aber am Beitragsende wurde dann doch der Anfang der Kämpfe mit Israels Angriff nach der Entführung zweier Soldaten erklärt, ohne den Raketenbeschuss Israels zu erwähnen.

Reden wir von der traditionell liberalen Zeitung, für die ich schreibe. Dort werden gewöhnlich keine Leichen auf Seite 1 abgebildet. Nun zeigte man, neulich, ein totes libanesisches Kind. Was sagt der Subtext dieses Tabubruchs? Die Opferzahlen des schrecklichen Bombardements, um das es dabei ging, werden in den folgenden Tagen fast halbiert, was den Angriff nicht weniger schrecklich macht. Aber das Phänomen verpuffte Korrektur/verschlepptes Dementi begleitet deutsche Nahost-Berichte seit Jahren, zu Lasten Israels. Weil man dem Stärkeren sowieso eine höhere Moral abfordert? Oder wird da ein unbewusstes Ressentiment legitimiert?

Viele deutsche Nichtjuden sind genervt von dem philosemitischen Codex im Lande, von ihrer Erpressbarkeit als nachgeborene Hypothekenerben, vom vorgeblichen Zwang zum schlechten Gewissen, das unter Politfloskeln jüdischer und nichtjüdischer Funktionäre besonders leidet. Öffentliche Kritik an Juden delegieren sie an freche Berufsjuden, weil sie selbst den guten Ton nicht zu treffen meinen. Gegenüber Juden in Deutschland, die der Opfer-Ikone des weisen Nathan (der den Mord an seiner Familie mit Toleranz vergilt) ähneln sollten, gilt prinzipiell die Nie-wieder!-Beißhemmung. Juden, die zurückschlagen wie Shakespeares Shylock, Juden mit Atomwaffen, Juden, denen Amnesty International Folter vorwirft, die ihre Existenz durch ein Besatzerregime und die jüdische Identität ihres Staates durch rassistische Ausgrenzung zu sichern meinen: Die sollten Naturschutz post Auschwitz nicht mehr erwarten. Ein Kollege klagte dieser Tage, er traue sich nicht, „Staatsterrorismus“ zu schreiben. Ein anderer traute sich bereits festzustellen, Israel verwirke sein Existenzrecht.

60 Jahre Frieden und Pazifisten-Verse haben den Nachkriegskindern neben anderen Realitätsverlusten auch die Vorstellung beigebracht, Kriege ließen sich sozialpädagogisch führen. Früher ist die alttestamentliche Formel „Aug um Auge“ – eine historische Errungenschaft zur Abschaffung privater Vergeltungswillkür – gern antijüdisch interpretiert worden: Juden rächen sich, Christen vergeben, aufgeklärte Leute bezwingen den Aggressor durch Verständnis. Nun wird, theoretisch, immerhin akzeptiert, dass Israel mit Vergeltungstaten ums Überleben kämpft; es disqualifiziere sich jedoch durch unverhältnismäßige Mittel. Allerdings verraten weder die Bibel noch die Genfer Konvention eine Umrechnungsformel, wie sich gegenüber Terroristen hinter zivilen Schutzschildern Verhältnismäßigkeit buchstabiert.

Da Israel unmoralisch Krieg führe, verliere es zunehmend die – einzig moralisch begründete – Unterstützung Europas, schreibt Navid Kermani am 7. August in der Süddeutschen Zeitung. In Deutschland entwickelt sich der Spagat zwischen amtlicher „Freundschaft mit Israel“ und dem distanzierten Volksempfinden besonders eklatant. Nicht die Kritik an Israels politisch-militärischen Fehlentscheidungen, sondern die Heuchelei der wohlfeil Empörten wirkt fatal. Wer mag sich ausmalen, wie hierzulande jahrelanger Raketeneinschlag gekontert würde? Israelis, denkt man, gewöhnen sich dran. Wer macht uns weis, ein „gerechter Krieg“ sei ohne Verbrechen führbar, der Menschenapparat einer Zerstörungsmaschine sei von Exzessen und wahnhafter Eigendynamik abzuhalten? Demokratien führen keine demokratischen Kriege, im besten Fall werden ein paar Verbrechen mehr gestoppt, aufgeklärt, geahndet.

„Ja, ja, der Klügere gibt nach“, sagt Liesl Karlstadt in einem Endlosstreit zu Karl Valentin, der erwidert: „Ich geb’ ja nicht nach.“ Das ist keine road map, sondern psychopathologische Wahrheit der Kunst. Angesichts der Endlosschleife, aus der die gewalttätigen Gegner möglicherweise auch durch UN-Resolutionen kaum herausfinden werden, fantasieren „Freunde“ Israels das Ende der Solidarität herbei. Sollte demnächst wirklich ein Bundeswehrsoldat an der syrischen Grenze Dienst tun und entführt werden oder gar das Weltkriegs-Szenario der US-Falken Wirklichkeit werden oder nur der Ölpreis unsern Bonsai-Aufschwung vernichten, wird es für Freunde Israels viele Chancen geben, die eigene Feigheit zu testen.

Wer die belastete Verbindung mit dem jüdischen Volk und seinem Staat – keine Wahlverwandschaft, eine glückliche, entsetzliche Schicksalsgemeinschaft – wegrationalisieren will, hat deutsche Geschichte nicht verstanden.

Es geht nicht um Moral, sondern um Intelligenz im Wortsinn: Verdrängung der Verantwortung verewigt kollektive Neurosen.

Der Verfasser, geboren 1954, ist Autor beim Tagesspiegel. Er studierte Katholische Theologie und veröffentlichte 2000 das Buch „Jewrassic Park. Wie baut man (k)ein Jüdisches Museum in Berlin“. Im vergangenen Jahr erschien von ihm „Das Glück der Mendelssohns. Geschichte einer deutschen Familie“.


CONTRA

Von Rüdiger Schaper

Die alte Geschichte von David und Goliath scheint sich auf dem mythenbeladenen Boden des Heiligen, fluchbeladenen Landes umzukehren: David feuert aus dem Versteck in Dörfern über die Grenze und wartet auf die Panzer …

Staatsterrorismus. Kriegsverbrechen. In Kauf genommene, wenn nicht geplante Zerstörung ziviler Einrichtungen, Planierung ganzer Landstriche im Libanon: Die massiven Angriffe der israelischen Armee – ihre schnellen Attacken und Überraschungssiege („Sechstagekrieg“) gehören offenbar der Vergangenheit an – drängen dem Beobachter schlimme Begriffe auf. Worte, verbale Waffen, die nach Recht und Gewohnheit in die andere Richtung zielen, auf die Hisbollah, Al Qaida, auf islamistische Terrororganisationen.

Keine Mauer ist so hoch, dass sie Raketen aufhalten könnte. Israel verteidigt sich. Sein Territorium. Seine Menschen. Seine Existenz. Akzeptiert man diese Analyse, dann scheint sich eine Verurteilung des israelischen Militärs von vornherein zu verbieten. Egal, wie viele Zivilisten dabei ihr Leben lassen, wie viele Häuser brennen, Brücken und Straßen in Trümmern liegen, auf beiden Seiten. Auch die israelischen Opfer hat keiner gefragt.

Israel führt unseren Krieg, den Krieg der westlichen Zivilisation, für Freiheit und Demokratie. Dieses Argument der Einschüchterung hört man jetzt oft. Auch George W. Bush lädt seit fünf Jahren, seit dem 11. September 2001, seine Reden mit dieser Munition, mit dem „Krieg gegen den Terrorismus“, der auch nach innen geführt wird.

Aber anders als der militärische Bush-Komplex, der im Irak alles Mögliche angerichtet, nur eben keinen islamistischen Terroristenstaat zerstört hat, kennt die israelische Regierung den Feind. Die „Partei Gottes“, die schiitische Hisbollah. Bekannt ist gleichzeitig, dass diese Organisation in Teilen der libanesischen Bevölkerung und des politischen Lebens dort tief verwurzelt ist, ähnlich wie die Hamas in den Palästinensergebieten. Müssen deshalb Frauen und Kinder sterben, Nachschubwege für Hilfslieferungen zerbombt werden, was rechtfertigt diese Taten, die militärischen „Pannen“?

Israel greift an, verteidigt sich. Und man soll vielleicht denken, aber nicht sagen dürfen, dass im Namen Israels, Amerikas, des gesamten Westens (so sieht es die Mehrzahl der Araber) schreckliche Verbrechen begangen werden. Und nicht fragen, wohin das führt?

Das Wissen um den Holocaust, es darf nicht anders sein, beeinflusst das Denken und Sprechen über Israel heute. Das ist eine zivilisatorische, moralische Errungenschaft – und keineswegs selbstverständlich. Antisemiten und Holocaust-Relativierer sterben nicht aus. Hat deshalb die Empörung über Israels Hisbollah-Krieg, der zum Krieg gegen den Libanon geworden ist, per se antisemitischen oder proarabischen Charakter?

Eine Verurteilung der israelischen Militärstrategie – massive Schläge gegen den Libanon, um die Hisbollah zu treffen, wie auch immer – stellt, zumal für Deutsche, ein schweres moralisches Dilemma dar. Aber es muss möglich sein, diesen Krieg zu qualifizieren.

Die „New York Times“, traditionell jüdisch-amerikanisch geprägt, hat in den vergangenen Wochen versucht, dieses Dilemma mit einfachen journalistischen Mitteln zu lösen. Eher zurückhaltend in der Kommentierung, hat das Blatt den Berichten über die Kriegsfolgen im israelischen Nachbarland breitesten Raum gegeben. Oft waren auf der Titelseite Fotos ziviler libanesischer Opfer zu sehen. Sie zeigen die Asymmetrie dieses Kriegs. Die Unverhältnismäßigkeit der andauernden israelischen Attacken.

Das Dilemma bleibt. Es hat historische Gründe. Thomas L. Friedman, Kolumnist der „Times“ und langjähriger Nahost-Korrespondent, schreibt in seinem Buch „From Beirut to Jerusalem“ (1989): „Vom ersten Tag an, da Israel als Nation geboren war, haben seine politischen Führer die Welt aufgefordert, die Einzigartigkeit dieser Nation zu beachten und sie mit anderen Maßstäben zu beurteilen als andere Nationalstaaten.“ Diesem Postulat, der säkularen Variante des auserwählten Volks der Bibel, ist die (westliche) Welt gefolgt, über Jahrzehnte. Der Konsens scheint zu schwinden.

Navid Kermani hat diese bedrohliche Wandlung beschrieben: „Israel ist auf Moral angewiesen, um zu überleben.“ Und: „Noch gewährt die Vormacht des Westens, der Vereinigten Staaten, Israel freie Hand. Auf Dauer aber werden die Zweifel an einer solchen, praktisch bedingungslosen Loyalität nicht zu ignorieren sein, sofern Israel mit der Politik schierer Härte fortfährt und wenig von der moralischen Statur der Opfer übrig bleibt, die der Westen braucht, um seiner Solidarität eine fortdauernde Basis zu geben.“

Deshalb auch will die Hisbollah diesen Krieg – Israel soll desavouiert werden, seine aggressive Fratze der Welt zeigen. Man beobachtet mit ohnmächtiger Wut, wie Israel in diese terroristische Falle gegangen ist. Wie lange die UN, die USA gezögert haben. Wie Hisbollah-Chef Nasrallah zum arabischen Volkshelden hochgebombt wurde.

Der Nahe Osten hat ein elefantöses Gedächtnis. Jetzt baut sich ein Hasspotenzial mit schrecklich langer Halbwertszeit neu auf. Israel fliegt weiter Luftangriffe, zugleich gibt es, wie die USA im Irak, seinen Feinden einen gewaltigen Schub. So laut kann man gar nicht mit den Zähnen knirschen, um diesen Krieg zu akzeptieren. Libanesen, Palästinenser sind nicht Menschen zweiter Klasse, die israelischer Interessen wegen weggeräumt werden. Oder doch?

Der Verfasser, geboren 1959, leitet das Kulturressort im Tagesspiegel.

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