Meinung : Mütter: Sonderfall Deutschland

Pascale Hugues

Mutter sein, Frau sein, einen Beruf zu haben. Westdeutsche Frauen scheinen größere Schwierigkeiten zu haben als alle anderen Frauen in Europa, diese drei Pole zu vereinbaren. Die Debatte um die Ganztagsschule und die Kinderbetreuung auch für die ganz Kleinen ist eine Revolution für Deutschland, zumindest für den Westen. Für die Französinnen ist ein solches System dagegen seit langem Realität.

Wenn es einen fundamentalen Unterschied zwischen unseren Gesellschaften gibt, dann ist es das Bild der Mutterrolle. In Frankreich kriegen die Frauen Kinder - mehrere Kinder -, aber das Leben geht weiter. Dank eines flächendeckenden Systems von Kinderkrippen und kostenlosen Kindergärten, deren Besuch ab dem Alter von drei Jahren Pflicht ist, dank Ganztagsschulen - vor allem aber, weil alle akzeptieren, dass eine Frau eine gute Mutter sein kann, auch wenn sie einige Stunden des Tages einer anderen Beschäftigung widmet als ihren Kindern.

In Deutschland dagegen haben die Frauen ganz reale Schwierigkeiten, Familie und Beruf zu vereinbaren. Vor allem gibt es einen Mutterkult, der uns Französinnen schon etwas merkwürdig vorkommt. Deutschland ist ein Sonderfall. Niemand kann mich überzeugen, dass es bei dieser enormen Wirtschaftskraft nicht möglich sein soll, eine umfassende Kinderbetreuung zu finanzieren. Das ist keine Geldfrage. Liegt es womöglich daran, dass über Jahre ein ernsthafter gesellschaftlicher Druck fehlte, ohne den die Dinge sich nicht ändern? Und wirkt es nicht symptomatisch, dass jetzt - parallel zur Debatte um die Familienpolitik - die anderweitigen Moralapostel ihre Stimme erheben? Da rücken die Medien einen US-Bericht in die Schlagzeilen, dem zufolge Kinder, deren Erziehung Dritten anvertraut wird, aggressiver sind als jene, die von den Eltern erzogen werden. Und da sind die Leitartikel, die im Alarmton die Eltern anklagen - die armen Eltern, die sich ja sowieso schon so viel zu Schulden kommen lassen -, dass sie sich nicht richtig um die Erziehung kümmern. Nicht zu vergessen die Kanzlergattin, die als Mutter der Nation die traditionellen Erziehungswerte in den Himmel lobt.

Die "Experten" entdecken den Teufel überall: die Kinderkrippe, die Schule, das Fernsehen, die laxen Eltern, die Erosion der Werte, die abends nicht geputzten Zähne ... Für mich am überraschendsten ist das in Deutschland geltende Dogma, dass die Mutter nur Mutter sein darf und nicht einmal für Stunden zu ersetzen sei.

Dieser angestrengte Perfektionismus, bewirkt er Gutes? Gibt es kein akzeptables Mittelmaß zwischen der Rabenmutter und der Selbstverleugnung? Zwischen den antiautoritären Prinzipien der 70er Jahre und der Rückkehr des Schlagstocks? Vielleicht müsste man diese Exzesse in beiden Richtungen einfach vergessen. Und sich schwerhörig stellen gegenüber den "guten Ratschlägen". Vertrauen haben in die eigenen Kinder. Sehr oft weisen sie uns den richtigen Weg. Wer sich zu sehr bemüht, alle Anweisungen zu befolgen, nimmt sich leicht die Freude - diese immense und befreiende Freude, die das Leben mit Kindern bedeutet. Sein Bestes zu geben, das darf man erwarten. Doch niemand - außer wenigen überheblichen Ratgebern - verlangt von den Eltern (und den Müttern!), perfekt zu sein.

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