Meinung : Mundtot

Der Zeitgeist der 70er und 80er begünstigte die Vertuschung von Missbrauchstaten / Von Manfred Karremann

Illustration: Klaus Stuttmann
Illustration: Klaus Stuttmann

Als der Junge gerade ein Flugzeug aus Legosteinen zusammenbaute, fing er plötzlich an zu weinen und sagte seiner Mutter, er müsse ihr etwas erzählen. So steht es wörtlich in einem Polizeiprotokoll von 1994 zum Fall eines neunjährigen Jungen, der während des Kommunionsunterrichts von einem Pfarrer im Ruhrgebiet missbraucht wurde. Dem Pfarrer wurde daraufhin das Betreten des Klosterkindergartens und der Treppe dorthin untersagt – Einsicht zeigte er keine. Und damit macht er als Täter keine Ausnahme.

„Nicht der Pädo ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt“, steht als Leitmotiv auf der Titelseite der Berliner Pädophilenzeitschrift „Der Knüpfer“, Ausgabe 2000. Erst Staat und Gesellschaft würden die Kinder zu Opfern machen, meinen jene Männer, deren Neigung Kindern gilt, weil nicht begriffen werde, dass es „einvernehmliche Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern“ gebe.

Seit Jahrzehnten reden sich Täter ihr Handeln mit solchen Scheinargumenten nicht nur schön, sondern versuchen gleichzeitig, den Rest der Welt vom „Recht des Kindes auf Sexualität“ (mit ihnen, natürlich) zu überzeugen.

Gelungen ist ihnen das bislang nicht, obwohl die Netzwerke der Pädophilen weltweit über das Internet organisiert sind. Bei Eltern, Psychologen und der Staatsgewalt hält sich hartnäckig die Meinung, es gebe ein Machtgefälle zwischen Erwachsenem und Kind. Und jedes Opfer bestätigt wieder, dass sie damit richtig liegen.

Noch auf dem Christopher Street Day 2003 in Berlin haben sogenannte „Boylover“, das sind Männer, deren Neigung Knaben gilt, Flugblätter verteilt. Man werde verfolgt „wie früher die Hexen oder die Juden“, heißt es darauf, wegen „angeblicher Kinderschutzanliegen“. Ein solches Schicksal sei noch in den 60er Jahren auch den Homosexuellen widerfahren, steht auf dem Papier der bundesweiten Organisationen, die „in der kritischen Solidarität mit der Homosexuellenbewegung eine Akzeptanz für alle Sexualitäten, auch für ’Girllover’ (= Klein-Mädchenliebhaber) und Päderasten (= Knabenliebhaber) fordern“.

2004 durften diese Verbände nicht mehr am Christopher Street Day teilnehmen. Einmal mehr haben sich die Schwulen und Lesben deutlich abgegrenzt von jenen, die Kinder sexuell belästigen.

„Schon in den 60er Jahren“, weiß der Therapeut Jürgen Lemke von der Berliner Einrichtung „Kind im Zentrum“, „hängten sich Pädophile als Trittbrettfahrer an die sich formierende Homosexuellenbewegung an. Ihr Argument damals: Wenn Schwule und Lesben nicht mehr diskriminiert werden dürfen, gebe es auch für die Ausgrenzung der Pädophilen keine Berechtigung mehr. Die Öffentlichkeit hat gar nicht wahrgenommen, wer da im Windschatten mitreisen wollte“.

Die Diskussion über antiautoritäre Erziehung kam zur rechten Zeit: „Davon leiteten die Pädophilen damals auf demagogische Weise ein Recht des Kindes auf das Ausleben seiner Sexualität mit Erwachsenen ab“, so Therapeut Lemke, der die Entwicklung über Jahrzehnte beobachtet hat, „in den Siebzigern stieß das bei Teilen des linken Spektrums sogar auf Akzeptanz“. Kinder, die damals Opfer von Missbrauch wurden, melden sich oft erst heute zu Wort. Was hätten sie damals denn auch sagen können, mit wem hätten sie sprechen sollen? Die Opfer, denen heute manche hinter vorgehaltener Hand zum Vorwurf machen, sie hätten ja 30 Jahre lang geschwiegen. So, als gäbe es dann keinen Grund mehr, jetzt doch noch zu sprechen. Auch der Zeitgeist mag in den 70er und beginnenden 80er Jahren eine Ursache gewesen sein, weshalb so viele Pfarrer oder Lehrer nach einer Missbrauchstat nur versetzt wurden.

Hinzu kam aber damals, dass trotz aller Reformpädagogik das geschlossene System von Macht und Abhängigkeit in Internaten und Heimen nach wie vor funktioniert hat. Besonders in kirchlichen Einrichtungen, wo aus Sicht eines Kindes immer auch die indirekte Autorität Gottes über jedem Erwachsenen schwebte. Hier waren Kinder der Autorität völlig ausgeliefert, Schweigen selbstverständlich.

Die Kinder von damals bleiben als Opfer bis heute zurück. Viele leiden noch immer unter dem, was die Täter vor 30 Jahren entweder durch Autorität erzwungen oder als „Befreiung der Lust von Repressalien“ verkauft haben. Gegen Letzteres formierte sich erst in den 80er Jahren ernsthafter Widerstand. Frauenbewegungen protestierten, Kinderschutzverbände wurden aktiv. „Eltern, deren Kinder Opfer von pädosexuellen Übergriffen geworden sind, haben sich nicht mehr mit scheinliberalen Phrasen von der befreiten Sexualität abspeisen lassen“, erinnert sich Jürgen Lemke, „Mütter, die bis dahin sexuelle Beziehungen ihrer Kinder mit Lehrern und Erziehern tolerierten, zeigten die Täter jetzt an“.

Was also erklärt der „Zeitgeist“ der 70er und 80er Jahre? Sicher nicht, dass die Täter nicht wussten, was sie taten. Umso mehr aber, weshalb die Opfer so lange geschwiegen haben. Die perfide Strategie der Täter, Kindern eine Mitschuld einzureden, um sie damit zum Schweigen zu bringen, hat schon damals funktioniert. Sie verfängt auch heute noch in Familien, in denen Kindern niemand zuhört.

Und dennoch: Die Kultur des Schämens und Schweigens scheint beendet zu sein. Opfer melden sich zu Wort. Die längst erwachsen sind, müssen in den Medien nicht mehr zwangsläufig einen Balken über den Augen haben, denselben Balken wie die Täter. Wenn sich auch unsere Kinder nicht mehr 30 Jahre schämen und schweigen, sondern sich heute trauen zu sagen: „Jemand fasst mich an, obwohl ich das nicht möchte“ – dann ist das die beste Prävention.

Der Autor hat ZDF-Dokumentationen zu dem Thema gedreht und sich dafür auch fast ein Jahr lang undercover in der Szene der Pädophilen aufgehalten. Seit 2004 ist er als Referent beim Bundeskriminalamt tätig. Sein jüngstes Buch heißt: „Es geschieht am helllichten Tag – die verborgene Welt der Pädophilen und wie wir unsere Kinder vor Missbrauch schützen“ (Dumont Verlag).

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