Muslime in Marzahn : Akt gegen nackt

Sechs Bilder nackter Frauen wurden in einer Berliner Volkshochschule abgehängt. Dort führt die „Interkulturelle Sensibilität“ offenbar nicht zur Integration, sondern in den Keller.

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Nicht nur oben ohne. Diese Gemälde von Susanne Schüffel könnten die Gefühle muslimischer Frauen verletzen, mutmaßte man in der VHS Marzahn-Hellersdorf und verbannte sie aus einer Ausstellung der Künstlerin.
Nicht nur oben ohne. Diese Gemälde von Susanne Schüffel könnten die Gefühle muslimischer Frauen verletzen, mutmaßte man in der VHS...Foto: Paulus Ponizak

In Marzahn-Hellersdorf ist ein Anschlag auf die Gefühle von Muslimen verhindert worden: Der stellvertretende Leiter der Volkshochschule hat sechs Bilder unbekleideter Frauen im letzten Moment abhängen lassen, bevor syrische Flüchtlinge auf ihrem Weg zum Integrationskurs daran hätten vorbeigehen müssen. Der fürsorgliche Akt gegen den Akt wird mit „interkultureller Sensibilität“ erklärt.

Auf den ersten Blick wirkt das alles lächerlich. Die Bilder sind harmlos, die Künstlerin hat das Malen, wie pikant, an einer Volkshochschule gelernt. Niemand hatte sich beschwert, ohnehin sind viele der Flüchtlinge Christen. Ein paar Bilder mehr oder weniger, das dürfte ihre geringste Sorge sein.

Schnell wird klar, dass hier eher ein Fall von kulturloser Kurzsichtigkeit vorliegt als einer von interkultureller Sensibilität. Aber eben einer von grundsätzlicher Bedeutung, der zudem nicht allein steht. „Interkulturelle Sensibilität“ wird auch als Schwert gegen Sankt Martin geführt und gegen den Weihnachtsmann, beide angeblich Verletzer religiöser Gefühle von Muslimen. Den Karikaturenstreit haben wir hinter uns, aber längst nicht überwunden, Idomeneo wurde wegen eines abgeschlagenen Muhammad-Kopfes ängstlich vom Spielplan der Deutschen Oper genommen, Lesepaten werden in Berlin angewiesen, muslimischen Schülern den Anatomieatlas für Kinder nur bis zum Nabel zu zeigen.

Wer indes anfängt, die umfangreiche Sammlung solcher Vorfälle zu sortieren und anzureichern mit einigen monokulturellen Konflikten, könnte glatt ein gewisses Verständnis für unglückliche Volkshochschulleiter bekommen. Widerspruchsfrei ist da nichts zu bekommen oder zu verteidigen. Trotz Kunstfreiheit wird auch ganz ohne Muslime immer mal wieder über den richtigen Ort für Gustave Courbets „Ursprung der Welt“ diskutiert, eine sehr offene Darstellung von Weiblichkeit. Auch Christen und Atheisten fühlen sich von mancher Freizügigkeit unangenehm berührt und belästigt – der eine mehr, der andere weniger, der Nächste von etwas anderem. Der Tagesspiegel hat schon mal, zum Ärger des Zeichners, eine Karikatur kopulierender Spitzenpolitiker abgelehnt, aus Rücksicht auf die Gezeigten und auf die Leser. Kulturelle Grenzen lösen sich auf in der vernetzten Welt. Könnte man da nicht, nach dem abstoßenden Pöbelempfang, den Flüchtlingen in Marzahn-Hellersdorf lieber etwas zu viel an Respekt erweisen als wieder zu wenig?

Doch falsch bleibt die Entscheidung allemal. Es gab keine Bedrohungslage, nicht mal eine vermutete, wie einst bei der Oper. Es gab keine gezielte Provokation, wie bei den Muhammad-Karikaturen. Und wer Einwanderer integrieren will, kann ihnen nicht das Wesentliche vorenthalten, das die Gesellschaft trägt – wobei nicht nackte Frauen gemeint sind, sondern die Freiheit der Kunst, der Meinung und der Religion. „Interkulturelle Öffnung“ wünscht sich die zuständige Stadträtin, und ein „Aufeinanderzugehen“. Doch das kann keine einseitige Sache sein. Es bedeutet jedenfalls nicht, als Gastgeschenk die eigene Kultur im Keller zu verstecken.

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