Meinung : Mut zum Zweifel

Was das Mahnmal mit Krieg und Frieden zu tun hat

Lorenz Maroldt

Was für ein starker Kontrast: Der Bau des Holocaust-Mahnmals hat jetzt wirklich begonnen, und das stimmt den Bundestagspräsidenten fröhlich. Auch die Vorsitzende des Förderkreises freut sich – auf einen Ort, der „den Menschen das Gefühl von Angst, Verlassenheit, Ausgeliefertsein vermitteln“ soll. Und was für ein komischer Zufall: Ausgerechnet die zwei mit am stärksten umstrittenen Bauwerke Berlins, eben jenes Mahnmal und die künftige amerikanische Botschaft, werden sich gegenüber stehen – oder soll man sagen: Seite an Seite, mitten in Deutschland, gegen Deutschland?

Und noch ein Zufall, noch ein Kontrast – der Baubeginn des Mahnmals fällt genau in die Zeit des Krieges; die großen Friedensdemonstrationen finden in Sichtweite statt. Das Bemerkenswerte daran: Beide Seiten, die Befürworter des Krieges und ihre Gegner, beziehen sich auf die Lehren aus der deutschen Geschichte, und eben die zu beachten, daran soll uns das Holocaust-Mahnmal erinnern.

In den vergangenen Jahren war viel von der Normalität Deutschlands die Rede. Ein starker, verständlicher Wunsch. Die Wirklichkeit sieht anders aus, das zeigt uns der Krieg, das zeigt uns das Mahnmal. Wir Deutsche haben Millionen Juden ermordet; die Amerikaner haben uns besiegt und befreit, sie haben das heutige Deutschland begründet. Das deutsch-amerikanische Verhältnis wird deshalb ebenso ein besonderes bleiben wie das deutsch-jüdische. Vor allem besonders verwickelt und ganz schön kompliziert.

Günter Grass hat die Amerikaner gerade als Kriegsverbrecher bezeichnet und George W. Bush mit bin Laden nicht nur verglichen, sondern auf eine Stufe gestellt. Beide, so Grass, nähmen „Gott in Geiselhaft, um ihre schrecklichen Ziele zu unterstützen“. Das Ziel der Amerikaner ist es, den Irak von dem Diktator Saddam Hussein zu befreien, der nicht nur ein Massenmörder seines eigenen Volkes ist, sondern auch eine Bedrohung für andere Völker, ganz besonders des jüdischen Volkes, weshalb ihn Hans-Magnus Enzensberger zu einem neuen Hitler ausrief.

Vor kurzem sagte Enzensberger im Zusammenhang mit dem Krieg: „Wenn ich mir nicht sicher bin, halte ich lieber den Mund.“ Doch anscheinend verleitet gerade die Unsicherheit in dieser Frage öfter zu ganz lauten Tönen. Denn widerspruchsfrei ist ja weder die Unterstützung des Krieges noch seine Verdammung, und die Lehren der deutschen Geschichte sind es auch nicht. Nie wieder Krieg, nie wieder zusehen, nie wieder wehrlos sein, fest gegen jeden Bruch des Völkerrechts, massiv gegen Diktatoren – das alles zusammen geht eben nicht, zumindest nicht immer und im Fall des Iraks jedenfalls jetzt, nach dem Scheitern der Bemühungen der Vereinten Nationen, nicht mehr.

Die Friedensbewegung hätte, um mal mit den Worten der Militärs zu sprechen, eine doppelte Front aufbauen müssen – gegen den Krieg und Saddam. Das ist in Deutschland bisher kaum gelungen. Gegen den Beifall der Falschen ist zwar niemand gefeit, und die eigene Haltung sollte das auch nicht grundsätzlich ändern. Aber mehr Gespür dafür, wie schnell antisemitische und nationalistische Töne durchdringen und was sie anrichten können, mehr Verständnis auch dafür, dass der uns doch so ferne Saddam den Israelis bedrohlich nah ist, das wäre besser gewesen. In Frankreich haben mehr Menschen als hier dieses doppelte Ziel im Wortsinn auf ihre Fahnen geschrieben: Gegen Saddam und Antisemitismus, gegen den Krieg. Ein deutscher Kardinal dagegen, der den Boykott amerikanischer Waren für eine gute Idee hält, zeigt, dass er nicht nur nichts von Wirtschaft versteht, sondern vor allem verdrängt, woran das nun wieder erinnert.

Wolf Biermann hat beschrieben, wie er als Kind die schrecklichen Hamburger Bombennächte als befreiendes Freudenfeuer erlebte. Dass passt zu der Freude, die Wolfgang Thierse empfindet, wenn das Angst machende Mahnmal entsteht.

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