Meinung : „Mutter Jesus schuf eine neue Welt“

Christoph von Marschall

Auf die Revolution folgt die Revolte. Mitte Juni hatte die Episkopale Generalversammlung der USA Katharine Jefferts Schori zum ersten weiblichen Oberhaupt einer anglikanischen Kirche weltweit gewählt. Doch konservative Mitbischöfe wollen sich mit der 52-Jährigen nicht abfinden. Sechs Diözesen verweigern ihr bereits die Anerkennung. Bis zu ihrer Amtseinführung im November werden fünf weitere folgen, prognostizieren Insider – zusammen wären dann zehn Prozent der 110 US-Diözesen in Aufruhr. Sie wollen sich nicht abspalten, denn dann riskieren sie den Verlust ihrer Kirchengebäude. Stattdessen wollen sie den Erzbischof von Canterbury bitten, einen anderen (männlichen) Bischof mit der Aufsicht ihrer Bistümer zu beauftragen. Er ist das Oberhaupt der englischen Mutterkirche aller anglikanischen Konfessionen.

Die anglikanische Kirche hat vor 30 Jahren Frauen für den Pfarrerberuf zugelassen, bis heute sind aber erst drei Prozent der Führungsposten weiblich besetzt, neben den USA kennen nur Kanada und Neuseeland weibliche anglikanische Bischöfe. Aber der Widerstand entzündet sich mehr noch an Schoris unkonventionellen Interpretation der Bibel. Sie spricht gerne von „Mutter Jesus“: Deren Kreuzigung habe eine zweite Schöpfung eingeleitet, eine neue Welt geschaffen. Sie tritt auch für die Segnung homosexueller Paare ein und hat die Wahl eines bekennend schwulen Bischofs unterstützt. Mit allem, was sie tut und sagt, handelt sie gegen den überlieferten Glauben, werfen ihr Gegner wie Bischof Robert Duncan von Pittsburgh vor.

Eine Mehrheit aber schätzt ihre frische Art, ihr methodisches Denken, ihre klare Sprache. „Sie ist blitzgescheit und sehr geschickt“, erklärt Ian Douglas, Theologieprofessor in Cambridge. Schori selbst sagt, „Mutter Jesus“ sei doch nur methaphorisch gemeint. Sie rüttele gerne die Menschen wach. Aber natürlich weiß sie auch, dass sie damit andere provoziert – was ihr wiederum erwünschte Aufmerksamkeit verschafft.

Schori ist als Katholikin aufgewachsen, hatte ein Erweckungserlebnis, als ein naher Freund bei einem Flugzeugabsturz starb, trat zu den Anglikanern über und ließ sich mit 40 zur Pfarrerin weihen. Zuvor arbeitete sie als Meeresbiologin. Als Bischöfin im dünn besiedelten Nevada hat die Sportfliegerin ihre Gemeinden mit einer einmotorigen Cessna besucht. Harte Landungen auf Schlaglochpisten ist sie also gewohnt.

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