My BERLIN : Als Dutschke mir die Schulter verdrehte

Nirgendwo im Westen gibt es Anzeichen für eine Revolution. Könnte es sein, dass Dutschke falsch lag? Dass fast nichts, was Dutschke auf den Barrikaden gesprochen hat, von Dauer war?

Roger Boyes[The Times]

Mit vier klimatötenden Plastiktüten aus dem Mema- Supermarkt stolpernd, wurde ich das jüngste, möglicherweise letzte Opfer von Rudi Dutschke: Weil mein Verstand im Alter nachlässt, weil ich eine stärkere Brille brauche, jedenfalls trat ich auf die regennassen Blumen vor dem Dutschke-Gedenkstein auf dem Ku’damm, rutschte auf dem Pflaster aus und verdrehte mir beim Versuch, das Gleichgewicht zu behalten, die Schulter.

Bis jetzt hatte ich nichts Persönliches gegen Dutschke. Der Stein – der jenen Ort markiert, an dem Dutschke im April 1968 angeschossen wurde – ist merkwürdig. Soweit ich weiß, starb er erst 1979, oder? Meiner Meinung nach markiert man den Geburtsort eines Menschen von historischer Bedeutung, den Ort, wo er ein wichtiges Buch verfasst oder eine besondere Rede gehalten hat, das Haus, in dem er gestorben ist. Das war’s – es sei denn, es handelt sich um einen Nationalhelden, einen Märtyrer. Ist Dutschke das? Und wenn ja, wäre es dann nicht sinnvoller, Schönefeld nach ihm zu benennen – „Rudi Dutschke International Airport“? So könnte man die Bayern zwingen, von Franz Josef Strauß nach Rudi Dutschke zu fliegen.

Dass ich durcheinander war, als ich auf den Ku’damm trat, lag an einem kleinem Wortwechsel an der Kasse. Eine Frau bezweifelte die Korrektheit der Rechnung. Sie sollte 40 Euro bezahlen, dabei hatten sie nicht einmal die aus Italien eingeflogenen Heidelbeeren in ihren Wagen gelegt. Sie hatte lediglich ein Lammschnitzel gekauft, etwas Gemüse, Milch für Cornflakes und zwei Rollen Klopapier. „Noch nie im Leben hab ich so viel für Brot bezahlt!“, sagte sie und sah aus, als ob gleich eine Träne die eingepuderten Furchen ihrer Wange hinablaufen würde. Kurz überlegte ich, ob das stimmen kann – der Brotpreis, relativ zum Einkommen, muss in den 70ern viel höher gewesen sein –, aber es war nicht der richtige Zeitpunkt für Geschichtsunterricht.

Was passiert, ist, dass eine globale Entwicklung auch die Berliner erreicht. Nahrungsmittelkämpfe brechen aus, in Ägypten, Honduras, Haiti. Einige Länder verbieten den Reisexport, um die Lage zu beruhigen. Irgendetwas geht gerade richtig schief. Brot wird in der Tat teurer – und der Anstieg der Getreidepreise kann dabei nur eine kleine Rolle spielen.

Wenn ich meine Dutschke-Texte richtig gelesen habe, dann wäre er zufrieden mit dieser Zuspitzung. Zu seiner Zeit waren die großen Themen Überbevölkerung, Hunger und die üblen Versuche des kapitalistischen Amerika, sein neokoloniales Imperium zu cocacolaisieren. Außerhalb vom Asta war all das von eher untergeordneter Bedeutung. Heute, dem Internet und einer veränderten Medienlandschaft sei Dank, ist den Berlinern diese globale Verbindung bewusster. Georg Milbradt tritt zurück wegen der Finanzpolitik einiger US-Banken? Undenkbar in jeder anderen Epoche der deutschen Geschichte. Dutschke hätte darin eine vorrevolutionäre Situation gesehen, er hätte die Stadtguerilla angestachelt, die Unruhen in der entwickelten Welt vor die Tore von Siemens und anderen Multis zu bringen.

Man muss sich die Kleinanzeigen am Schwarzen Brett von Mema anschauen: „26er Damenrad 40 Euro Festpreis“; „Verkaufe wegen Auswanderung Hundesofa (braun) 30 Euro“; „Philips Mikrofon ca. 60 Jahre alt, 60 Euro“. Das sind Hilferufe einer Mittelschicht, die wenig vom ökonomischen Aufschwung profitiert hat und sich gegen schlechte Zeiten wappnet.

Nur 100 Meter weiter runter, auf der anderen Seite des Ku’damm, ist in der Karlsruher Straße das Aspria, das Lieblingsfitnessstudio der Promis. Dort liest man am Schwarzen Brett: „Drei Karten für Abbado“; Mahagoni-Tisch (1850) 500 Euro; „Ferienhaus auf Sardinien zu verkaufen“. Die Gehaltsklasse ist eine andere, der Unterton von Panik ist derselbe. Die globale Krise kommt näher, sie klopft an unsere Tür.

Dutschkes Schlussfolgerung wäre: Die Armen und die Reichen verlieren den Glauben ans kapitalistische System. Die Reichen werden das System mit Gewalt verteidigen, die Armen müssen sich diesem Kampf stellen.

Doch das Merkwürdige: Nirgendwo im Westen gibt es Anzeichen für eine Revolution. Könnte es sein, dass Dutschke falsch lag? Dass fast nichts, was Dutschke auf den Barrikaden gesprochen hat, von Dauer war? Dass der Gedenkstein auf dem Ku’damm keinen Helden ehrt, sondern eine Fußnote der Geschichte? Dutschke wäre heute 68 und ich wette, er würde nicht die Weltrevolution predigen, nicht einmal Lafontaine wählen. Er würde seinen Zettel im Aspria aufhängen: Vier-Zimmer- Sommerhaus in Florida zu verkaufen.

Trotzdem, ’tschuldigung, dass ich auf deine Blumen gelatscht bin, Rudi. (Meine Schulter tut noch immer weh.)

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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