My BERLIN : Angela Merkel kann viel von den Isländern lernen

Es gibt ein Weihnachtsritual, das mich während meiner gesamten Jugend begleitet hat. Das bestand darin, die Queen im Fernsehen anzuschauen. Damals wirkte sie wie eine Außerirdische, die ein steifes Englisch spricht, die Vokale knödelte – und zwar sprach, aber eigentlich gar nichts sagte.

Roger Boyes[The Times]

Irgendwann wurde die Königin als neue Marke auf den Markt geworfen, und dann begann sie, über ihre Familie zu reden. Plötzlich klang sie nicht mehr ganz so wie Steven Spielbergs ET. Vor allem aber gab es bei diesen Ansprachen niemals auch nur den kleinsten pessimistischen Unterton. Denn wer auf dem Sofa sitzt, den Bauch proppenvoll mit klumpigem Christmas Pudding, will unter keinen Umständen schlechten Nachrichten ausgesetzt sein.

Angela Merkel, die sich inzwischen von der aktuellen Politik so weit entfernt hat wie die Queen, könnte von der das eine oder andere lernen. Merkels Weihnachtsvideoansprache – Nutzt die Feiertage, um Kraft für die schwierigen Zeiten zu sammeln! – war ziemlich furchteinflößend. „Macht Euch Sorgen“, schien ihre Botschaft zu sein, „macht Euch große Sorgen.“ Als ob die Deutschen diese Botschaft nicht schon längst verinnerlicht hätten. Merkel hätte milder sein können und – denn darin besteht doch gerade die Aufgabe der Politiker – die Krise einordnen können.

Ich will die schwierigen Zeiten, die vor uns liegen, nicht kleinreden. Am Anfang einer Rezession den Job zu verlieren, ist hart, weil es mindestens ein Jahr dauern wird, bis man in den Arbeitsmarkt zurückgefunden hat. Die Arbeitgeber nutzen die Angst vor der Arbeitslosigkeit, um die Gehälter zu drücken. Das gilt nicht nur für Arbeiter bei Daimler oder Opel, sondern auch für freie Journalisten. Kollegen berichten mir, dass es noch nie so schwierig gewesen sei, einen Artikel unterzubringen (dagegen ist Autoverkaufen eine Leichtigkeit), dass das Realeinkommen auf den Stand von 1990 gefallen sei und dass es eines Kampfes bedürfe, um wenigstens zwei Monate nach Erscheinen eines Artikels bezahlt zu werden.

Der Verlust an Vertrauen in die Banken hat sich auf alle kommerziellen Beziehungen ausgeweitet, er vergiftet die Sprache („Zwangsurlaub“ ist aus meiner Sicht das Wort des Jahres) und prägt unsere Sicht auf die Welt. Aber man kann lernen, die Zukunftsangst zu kontrollieren. Das fällt den Deutschen schwer: sich selbst psychologische Grenzen zu setzen. Doch was wir derzeit erleben, ist schließlich nicht der Zusammenbruch des „German Way of Life“. Meine Nachbarn tauschen weiter Gerüchte aus, die Geburt eines Kindes wird noch immer gefeiert, auf den meisten Tischen im Land steht ausreichend Essen.

Was passiert ist, dass die Wirtschaft erstaunlich schnell schrumpft; wir müssen schlicht lernen, uns dem Prozess mit gleicher Geschwindigkeit anzupassen. Die Auswirkungen einer Rezession sind nicht alle schlecht: Zum ersten Mal habe ich einen langen (gut, von einem Computer verfassten) Weihnachtsbrief der Dresdner Bank bekommen, in dem mir in einer geradezu pathetischen Sprache dafür gedankt wird, dass ich mein Vermögen nicht woandershin transferiert habe. Laut meinem letzten Bankauszug habe ich 464 Euro auf meinem Konto. Trotzdem tut ein bisschen Demut auf Seiten der Banken gut. Alle sollten sich ein wenig mehr um ihre Kunden kümmern. Und normale Menschen, sagt der Glücksökonom (ein Beruf so rezessionsresistent wie der des Rattenfängers) Bruno Frey, kehren zu den Grundwerten zurück: „Heute gibt es eine Neubewertung darüber, wie wichtig Geborgenheit ist.“

Silvester verbringe ich in diesem Jahr mit Freunden in Island: wie Berlin eine einsame Insel, die von der Pleite bedroht ist. Keine Frage, Island hat allen Grund, sich über die Grausamkeit des globalen Kapitalismus zu beklagen. Das Land wurde von seinen waghalsigen Banken in den Ruin getrieben. Früher waren die Isländer das glücklichste Volk der Welt; heute sind sie eines der am höchsten verschuldeten. Sie mussten sogar mit China wegen eines Extrakredits in Verhandlung treten, damit die weiterhin Feuerwerk nach Island liefern. Die Isländer waren früher so stolz auf ihre Unabhängigkeit; heute schütteln sie ihre Bettelbüchse wie die „Motz“-Verkäufer vor dem Supermarkt.

Was sich jetzt auf dieser Insel vollzieht, ist kaum überraschend: die Rückkehr zu Tradition, Familie (auch aus Pragmatismus, eine schwangere Frau kann man nicht so leicht entlassen) und Freundschaft. So gehen die Isländer mit einer Situation um, die viel schlimmer ist als die in Deutschland. In einer Rezession hat Priorität, dass man seine Würde schützt; das Selbstwertgefühl sollte man sich nicht von den Launen des Marktes bestimmen lassen.

Angela Merkel ist eine Pastorentochter. Sie sollte eigentlich verstehen, wie wichtig es ist, diese Krise in einen moralischen Kontext zu bringen. Stattdessen erscheint sie als zögerliche Figur, die sich von der Kraft der Ereignisse treiben lässt und von Selbstzweifel aufgefressen wird.

Im Jahr 2009 wird die Welt nicht untergehen. Es wird schlicht ein schwieriges Jahr werden, und all diese Schwierigkeiten werden uns etwas lehren, das wir offenbar vergessen haben: Respekt, Würde und eine Aversion gegen Gier. Das hätte ich gerne von der Kanzlerin in Ihrem Videoblog gehört.

Frohes neues Jahr? Ja, Ihnen allen ein frohes neues Jahr!

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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