Meinung : MY BERLIN Anleitung zum Überleben

Roger Boyes

Nichts ist so dumpf wie die Ruhe in einem Haus, das von den Kindern verlassen wurde. Der Teenager-Geruch hängt noch in seinem Raum, aber es besteht kein Zweifel daran, dass er weg ist. Kein Bob Marley, keine Jeans auf dem Fußboden. Was sagt man einem Sohn, der sich zur Universität aufmacht? Der Direktor meiner Schule – ein Militärinternat – pflegte zu sagen, seine Aufgabe sei es, die Schüler auf den Tod vorzubereiten, nicht aufs Leben; die Kunst des Lebens könne man überall aufgabeln, auf MTV oder Arabella. Und hat nicht Montaigne gesagt, philosophieren sei zu lernen, wie man stirbt?

Nun, mein Direktor war ein Ekel, aber ich verstehe doch, was er meinte. Wessen Vision des Lebens auf Erfolg aufbaut – Gesundheit, Schönheit, Reichtum –, dem wird der Tod immer als Tragödie erscheinen.

Wie vermittelt man einem 18-Jährigen, der nach London aufbricht, diese Idee? Ehrlich gesagt, gar nicht. Aber dafür kann ich ihm beibringen, wie man den „sozialen Tod“ vermeidet. Universität, zumindest in London, bedeutet für einen jungen Mann, zum ersten Mal auf eine überfüllte Party zu geraten, auf der man niemanden kennt. Diese Gefahr droht einem in Berlin, das noch immer ein Dorf ist, natürlich nicht. In meinem Alter kann man auf einer Party in Berlin nur darauf hoffen, wenigstens seine Feinde und das lächerliche Geplapper zu vermeiden (eine Botschaftergattin fragte mich vergangene Woche auf einem Empfang, ob Saddam mit Botulinum aufgerüstet habe).

Die Londoner Gesellschaft ist anders; Cliquen bilden sich schnell und schließen den Neuankömmling aus. Dagegen gibt es drei unterschiedliche Taktiken. Die erste: Kommt man in einen Raum voller Fremder, die wie Wahnsinnige über die eigenen Witze lachen, umdrehen, nach Hause gehen, Buch lesen. Das ist meine persönliche Lieblingsvariante, sie ist aber von geringem Anreiz für einen 18-Jährigen, der noch an die eine, das Leben für immer verändernde Begegnung glaubt.

Die zweite Taktik: Selbstbewusst durch all die Grüppchen pflügen, als ob man am Ende des Raumes einen interessanten Freund erblickt hätte. Wenn man die Wand erreicht hat, umdrehen, und solange weitermachen, bis man auf jemanden trifft, der das gleiche macht. Mit dem redet man dann. Die dritte Technik, beliebt besonders bei den Deutschen: direkt zum kalten Buffet. Beim Essen so laut die Speisen kommentieren, bis jemand reagiert.

Eine Party zu verlassen ist leichter, aber auch hier gibt es grundsätzlich drei verschiedene Vorgehensweisen. Man kann verschwinden, vollkommen besoffen, getragen von zwei hilfsbereiten Unbekannten. Oder mit dem Arm auf der Schulter der attraktivsten Person im Raum, dabei den Neid aller anderen Party-Teilnehmer erregend, die so tun, als würden sie nichts bemerken. Oder man überbrüllt den Lärm der Gäste und betont, dass man nun gehen müsse wegen eines Rendezvous in einem Club oder einer wichtigen Dinner-Einladung.

Die soziale Etikette der Erwachsenen ist komplex, aber leicht zu erlernen. Mein Plan ist es, jede Woche einen Brief nach London zu senden, der sich mit den banalen Wahrheiten auseinander setzt – um dann eines Tages zu Geburt, Liebe, Tod zu kommen. Dann werde ich meine Aufgaben als Vater erfüllt haben. Bis dahin wird der gehorsame Sohn sicher die Briefe in den Mülleimer werfen. Das ist das Privileg der Jugend.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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