My BERLIN : August? Nein danke!

Roger Boyes[The Times]

Es gab mal eine Zeit, da mochte ich den August in Berlin: schläfrige Drinks an Kreuzberger Kanälen, der Stoffwechsel der Stadt vollkommen heruntergefahren. Komatös, aber in einer guten Weise, eine Art Opiumschlaf, der einem im Traum Erkenntnis liefert. Aber der August ist auch der Monat, in dem ich geboren bin, und er erinnert mich deshalb an meine schwindenden Sinneskräfte. Ich brauche eine Brille, um bei japanischen Filmen die Untertitel entziffern zu können, kann bei einer lauten Vernissage kaum noch meine eigene Stimme vernehmen. Andere Sinne helfen dabei ein wenig aus: Ich kann sehr viel besser riechen als noch als 20-Jähriger. Manchmal fühle ich mich wie der Mörder in Süskinds Roman. Und was sagt mir meine Nase? Dass Berlin im August stinkt.

Die U 3 vom Heidelberger Platz (eine ohnehin für ihren Taubendreck bekannte Haltestelle) zum Nollendorfplatz riecht nach Teeröl und Antiseptikum – das Rasierwasser der Hölle. Von den Straßen steigt der Dieselgestank empor, in einem Straßencafé muss man mit dem scharfen Parfüm der Gullis rechnen. Um den August in Berlin zu mögen, muss man den Geruch von Urin mögen: den von Katzen, den von Menschen. Es ist warm genug, dass die Obdachlosen draußen schlafen können, und so riecht es auch vor den Schaufenstern teurer Geschäfte morgens um 10 nach Pisse und Alkohol. Und die Männer, die die Dixiklos leeren, sind offenbar alle im Urlaub (vermutlich zusammen mit den Bauarbeitern, die in jeder Straße eine Grube hinterlassen haben). Wenn etwas Wind aufkommt, legt sich der Dixigeruch hinten auf den Gaumen wie eine mildere Version des Giftgases, das im Ersten Weltkrieg im Einsatz war (der, natürlich, im August ausbrach). Vielleicht sollte der Senat öffentliches Urin mit einer Steuer belegen, wie jenes Gesetz der römischen Kaiser, das vectigal urinae.

Vielleicht sollte man im August auch einfach nur in die Ferien fahren und sich von dem Gedanken verabschieden, dass dem Verbleiben in einer Stadt, die von Flipflops und Zara-Shorts tragenden Touristen bevölkert wird, etwas Romantisches anhaften würde. „Was für ein schrecklich heißes Wetter wir haben“, schreibt Jane Austen, die englische Schriftstellerin. „Es hält einen fest im Zustand von Uneleganz.“ Nicht nur die Nase verliert an Form, der gesamte ästhetische Apparat kollabiert. Man bemerkt Dinge im Spätsommerlicht, die besser unerkannt geblieben wären. Die Stapel vergilbender Zeitungen hinter dem Sofa (von dem Loch im Sofa gar nicht zu sprechen), die Spinnenweben, alles ist im Licht. Die Augustsonne verzeiht so wenig wie eine Neonröhre, sie entblößt den Charme. Draußen sind die Bäume mit einer dünnen Staubschicht überzogen. Vögel singen nicht im August. Nicht in Berlin.

Wer hat gesagt, dass der August ein gütiger Monat sei? Nagasaki, Mauerbau, Jahrhunderthochwasser, S-Bahn-Streik. Es ist der Monat, in dem eigentlich nichts passiert – und deshalb der perfekte Zeitpunkt für schlechte Menschen, schlechte Dinge zu tun. Der perfekte Moment für die Götter, verrückt zu spielen. Es ist der Monat, in dem man feststellt, dass die interessantesten Freunde kleine Kinder haben und deshalb nicht in Berlin sind, sondern woanders die frische Luft genießen. Es ist der Monat, in dem mich die Wespen stechen.

Ich sollte aufgeben und schauen, ob es nicht in letzter Minute noch eine Rückzugsmöglichkeit gibt. Eine Mission nicht ohne Verzweiflung – wie die Leute, die in dem letzten Hubschrauber Saigon verlassen wollten, bevor der Vietkong einmarschierte. Manchmal besiegt die August-Galle sogar die Würde und den Menschenverstand. Plötzlich greift man nach dem Telefon und ruft ein Reisebüro an. Aber das Telefon klingelt und klingelt und man versteht, dass auch die Reisebüro-Menschen die Stadt verlassen haben. Ich erinnere mich an das Schild an einem geschlossenen Reisebüro in London: „Bitte verschwinden Sie.“ Wie Wandervögel verfügen die Menschen im Reisegeschäft über ein ausgezeichnetes Sensorium. August, das spüren sie, ist eine verlorene Sache. Wer im August noch in Berlin ist, hat nichts mehr zu hoffen, dem kann nicht geholfen werden. Alles, was einem übrig bleibt, ist zu warten, bis der August, der dumme August, vorüber ist und das normale Leben wieder beginnt.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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