Meinung : MY BERLIN Berlin retten – durch Klobalisierung

Roger Boyes

Wie viele arbeitslose Philosophen gibt es in Berlin? Das Arbeitsamt ist vorsichtig. Auf dem Markt sind etwa 20 Existentialisten – nur „etwa“: man weiß ja nie bei Existentialisten –, 26 Hegelianer, Hunderte Schüler Adornos. Also insgesamt rund 6000, alle, die Taxi fahren, ausgeschlossen.

Berlin braucht diese Leute. Jeder, der während des Deutschen Städtetags in dieser Woche wach blieb, weiß, was all die Stadt-Manager noch nicht verstanden haben: Das letzte, was man in einer Finanzkrise tun sollte, ist dem Geld hinterherzujagen. Die Energie, die beim Kostensenken aufgewandt wird, ist teurer als das eingesparte Geld – das ist das so genannte Wowereit-Paradox. Was stattdessen gebraucht wird, ist ein neues Verständnis von Zeit und Raum: ein Dilemma für moderne Philosophen.

Erstens, Zeit: Ich habe zum ersten Mal über Berlins Zeit-Verteilung nachgedacht, als ich hörte, dass Fußballer – wie Krankenschwestern – Nachtarbeit steuerlich geltend machen wollen. Dann lassen wir sie eben Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr spielen, Mittagspause von 13 bis 13 Uhr 30, dann sehen wir ja, wie viele ins Stadion kommen.

Abendarbeit ist die notwendige Begleiterscheinung einer beweglichen Gesellschaft. Warum sollten die Beamten nicht dann arbeiten, wenn sie am meisten gebraucht werden? Warum kann das Postamt nicht bis 21 Uhr 30 offen bleiben, das Standesamt oder die Ausländerbehörde? Einige Beamte machen schon Schichtarbeit. Warum nicht mehr? Glauben Sie mir, Berlin wäre lockerer, ruhiger und attraktiver für Investoren.

Und zum Raum: all die leeren Läden am Ku’damm und in der Friedrichstraße sind eine Schande, wie Werbung für die Pleite der Stadt. Warum ziehen da nicht Wohltätigkeitsorganisationen ein, mit kurzen Mietverträgen, bis ein anderer Mieter gefunden ist? Jede britische Stadt ist voll davon – SOS Kinderdorf, Aids-Opfer, psychisch Kranke und (die britische Vorliebe) streunende Hunde. Die Läden sind eingerahmt von Prada und Gucci und vermitteln den Städten ein wärmeres Image, eine gewisse Weichheit. Jeder ist zufrieden: alte Kochbücher, Udo-Jürgens-Platten und Schlaghosen werden recycled, in die Straßen kommt Leben und Farbe, leerer Raum wird intelligent genutzt.

Aber der Meister der Urbanistik ist Hans Wall, der schwäbische Klo-König, dem Berlin kostenlose Toiletten verdankt. Seine Kommerz-Logik ist fehlerlos: er verkauft die Werbeflächen auf den Klohäusern. Er erleichtert die Berliner und, wichtiger noch, die Touristen, und verdient dabei Geld. Das gleiche macht er mit den Bus-Wartehäuschen. Warum können wir die Wall-Idee nicht ausweiten (nach dem Motto: Klobalisierung)?

Wall ist der geistige Erbe von Ernst Litfaß, der 1854 150 Reklamesäulen in Berlin aufgestellt hat, 30 davon waren gleichzeitig Pissoirs. Polizeipräsident Hinckeldey unterstützte das Projekt, nicht jedoch die Pinkelsäulen. Daher auch der alte Spott: „Ach, lieber Vater Hinckeldey / mach uns für unsre Pinkelei / doch bitte einen Winkel frei.“

Hinckeldey hatte seine Fehler, aber selbst dieser hartgesottene Konservative konnte offen über Berlins Bedürfnisse nachdenken. Er machte zum Beispiel die Feuerwehr verantwortlich für die Straßenreinigung. Könnte Berlin heute nicht auch unkonventionelle Lösungen gebrauchen?

Das normale Leben kann sich durch Haushaltskrisen verbessern. Man muss nur quer denken und nicht entlang der Linien der Buchhalter. Berlins Probleme sind so groß, dass sie nur durch totale Offenheit gelöst werden können: Wir sollten von innovativen Unternehmern wie Wall lernen, von konservativen Preußen wie Hinckeldey. Ich jedenfalls werde eine Sonnenblume auf sein Grab in der Prenzlauer Allee legen. Es ist Herbst: eine gute Zeit, um mit den Toten zu reden. Oft haben sie die besten Ideen.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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