My BERLIN : Das Folteropfer aus der U 7

Deutschland, und besonders Berlin, hat sich als ein selbstloser Unterstützer derjenigen erwiesen, die gefoltert wurden oder Kriegsopfer sind. Aber bürokratischer Gleichmut und Ahnungslosigkeit über die Politik ferner Länder lassen diese Menschen oft in einem prekären Zustand.

Roger Boyes

Ein merkwürdiger Aspekt von Folter – wenn ich Ihr Morgenfrühstück kurz mir einem solchen Thema stören darf – besteht darin, dass sie sich im Laufe der Zeit so wenig verändert hat. Die meisten physisch unangenehmen Aktivitäten, wie Zahnheilkunde zum Beispiel, haben große Fortschritte gemacht. Aber die Folter, die von sadistischen Regime angewendet wird, ist noch immer so barbarisch wie zur Zeit der Inquisition. In einer einzigen Woche im August hat der Iran Schlingen um den Hals von 16 Verbrechern gelegt und sie aufgehängt. Nach Angaben der Zeitung „Etemad“ warten acht Frauen in ihren Zellen darauf, gesteinigt zu werden.

Kein Wunder also, dass Azar nervös ist. Ich treffe sie zum Tee in ihrer Wohnung in der Kantstraße. Sie verbrachte zwischen 1984 und 1991 sieben Jahre in iranischen Gefängnissen – weil sie Flugblätter für die Volksmudschaheddin verteilt hatte. Im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis wurde die Wirtschaftsstudentin an ihr Bett gekettet, einmal am Tag durfte sie aufstehen, um auf die Toilette zu gehen. Manchmal musste sie sich neben die Opfer der Erschießungskommandos stellen, um deren Angst zu spüren, sie umfallen und sterben zu sehen. „Als sie mich in meine Zeller zurückbrachten, war ich psychisch und physisch gebrochen“, sagt die 49-Jährige. Tränen rollen unter der dicken Brille heraus.

Azar kam 1993 nach Deutschland und versuchte, ihr Leben aufzurichten. Sie hatte schwere Herzprobleme, jetzt hat sie Krebs. Weil die EU die Volksmudschaheddin auf die Liste der Terrororganisationen gesetzt hat – als Teil einer falsch aufgefassten Beschwichtigungspolitik gegenüber dem Iran – sah es so aus, als würde sie ihr Aufenthaltsrecht verlieren. Die Gerichte haben Gott sei Dank entschieden, sie bleiben zu lassen, aber Dutzende andere Iraner sind in einer ähnlichen Situation.

Deutschland, und besonders Berlin, hat sich als ein selbstloser Unterstützer derjenigen erwiesen, die gefoltert wurden oder Kriegsopfer sind. Aber bürokratischer Gleichmut und Ahnungslosigkeit über die Politik ferner Länder lassen diese Menschen oft in einem prekären Zustand. Man sieht sie bisweilen in einen U-Bahn-Sitz gedrängt, ängstlich und aufschreckend, wenn der Zug in den Tunnel rauscht. Meistens sind sie auf dem Weg zu ihrem Therapeuten.

Es gibt in Berlin mehr Terroropfer als in irgendeiner anderen deutschen Stadt. Darauf kann Berlin stolz sein. Das Behandlungszentrum für Folteropfer in der Turmstraße hat die Behandlung von fast 6000 Menschen unterstützt. Am Ende des Monats feiert es (wenn das das richtige Wort sein kann) seinen 15. Geburtstag: 35 Festangestellte, 15 freie Übersetzer und eine kleine Schar von Freiwilligen haben Folteropfern vom Balkan, Kurden aus der Türkei, traumatisierten Kindersoldaten, Iranern, Irakern geholfen.

Die Mitarbeiter und Therapeuten des Zentrums versuchen, diese gebrochenen Menschen wieder zusammenzusetzen. Aber die Behördenmaschinerie macht ihnen das Leben bisweilen schwer. Die Verschärfung der Asylpolitik hat das gesamte Asylprinzip infrage gestellt – als ob jeder, der einen Antrag stellt, nach Deutschland zu kommen, automatisch verdächtig wäre. Doch Asyl ist gerade gedacht für Menschen wie Azar: Sie brauchen Schutz und nicht die lähmende Unsicherheit von Gerichtsterminen, an denen entschieden werden könnte, dass sie zurückgeschickt werden. Bei der Therapie geht es darum , die Folteropfer wieder in die Gesellschaft zu integrieren – aber was, wenn die Gesellschaft Signale aussendet, dass sie gar nicht gewollt sind, dass am Ende der Therapie keine Jobs auf sie warten, keine Aufenthaltsdauer, keine Sicherheit?

Man kann keine gutherzigen Gesten machen und sich dann vor der Verantwortung drücken. Kleine, nicht besonders teure, risikolose Veränderungen helfen diesen Opfern schon. Es sollte zum Beispiel mehr Übersetzer im Gesundheitswesen geben, damit die medizinische und psychiatrische Diagnose genauer ausfallen kann. Und die Reisebeschränkungen für Asylbewerber sollten aufgehoben werden, falls ein Folteropfer zur Therapie nach Berlin reisen muss.

Doch die Hauptverantwortung liegt bei uns, den normalen Bürgern, die keine Angst haben müssen, plötzlich in einen Kofferraum gestopft zu werden. Wir müssen die Fantasie aufbringen, um zu erkennen, dass in der Welt da draußen furchtbare Dinge geschehen und dass diese Welt nichtsdestoweniger unsere Welt ist, unsere Kantstraße und unsere Turmstraße.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller. Die Internetadresse des Behandlungszentrums für Folteropfer ist www. bzfo.de.

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