My BERLIN : Der Fetteste überlebt

Roger Boyes[The Times]

Ich habe eine Schwäche für Lokalbesitzer – und zwar in dem Maße, in dem ich PR-Manager mag. Sie sind freundlich und merken sich immer die Namen deiner Kinder. Allerdings weiß man nie, wen sie sonst noch so alles anhimmeln. Wer ein Restaurant betreibt, hat ja auch nicht den einfachsten Job: Es geht nicht nur darum, gutes Essen aufzutischen, sondern auch darum, den Zeitgeist zu treffen. Leider fehlte mir in letzter Zeit das Geld für einen Besuch bei meinem Eck-Italiener, dem „Capriccio“. Das war das Lieblings-„Ristorante“ von Helmut Kohl. Wobei Kohl mehrere Lieblingslokale hatte, schließlich wuchs sein Bedarf an Tellern voller dampfender Pasta mit der Größe des vereinten Deutschland und mit dem Umfang des deutschen Haushaltslochs.

Kohl wurde später abgewählt, und einige seiner Lieblingslokale stellten sich auf die hungrige Klientel von Rot-Grün ein (das „Capriccio“ zählte, glaube ich, nicht dazu, es blieb schwarz, genauso wie die Farbe der Trüffel, die dort serviert werden). Was waren das für Zeiten, die frühen Nullerjahre! Einmal konnte ich einen kurzen Blick in das Reservierungsbuch des „Maxwell’s“ werfen: Joschka Fischer und Gregor Gysi hatten zusammen einen Tisch reserviert! Es war das Jahrzehnt, in dem die Restaurants der Stadt mehr versprachen als die Theater. Wer am Freitagabend im „Borchardt“ saß, kam beim Glotzen immer auf seine Kosten.

Das alles konnte natürlich nicht endlos so weitergehen. Die Mittagspause war irgendwann nicht mehr der passende Ort, um köstliches Essen zu verdrücken und sich dabei auf den neuesten Klatsch zu konzentrieren. Wer konnte es sich noch leisten, drei Stunden lang irgendwo mit irgendwem Mittag zu essen? Der „Business Lunch“ erreichte Berlin, doch besser wurde es dadurch nicht. Stattdessen fragten die Gäste plötzlich, warum das „Kempinski-Schnitzel“ am Mittag 18 Euro und abends 21 Euro kostet. Die Spesenbudgets von Bankern und Journalisten wurden drastisch gekürzt. Im „Big Window“, dem Paradies für Fleischliebhaber in Halensee, waren es sowieso eher Russen als Hertha-BSC-Vorstände, die bei den frisch geschlachteten Kühen und Schafen so richtig zulangten. Die Berliner Restaurants können sich allerdings nicht nur auf einen guten Rubel/Euro-Wechselkurs verlassen: Sie brauchen das besondere Etwas – und davon ist im Moment wenig zu spüren.

Dass der Markt für Spitzenrestaurants höchst unbeständig ist, wurde mir so richtig klar, nachdem ich das Gästebuch von Arthur Kannenberg in mein Bücherregal gestellt hatte. Ich hatte es in der Galerie „Bassenge“ ersteigert. Das Buch ist ein Spiegelbild der Endzeit der Weimarer Republik. Kannenberg hatte 1929 das „Onkel Toms Hütte“ in Grunewald übernommen und machte daraus in 18 Monaten ein Promi-Lokal.

Es entstand ein geschäftiger Ausflugsort, an dem sich Filmstars aus Babelsberg, Theaterschauspieler, Sänger und Diplomaten die Klinke in die Hand gaben. Ein Foto, das in das Buch eingeklebt ist, zeigt Max Schmeling (mit viel zu kurzen Hosen) und seine spätere Frau Anny Ondra. Neben ihnen ist Arthur Kannenberg zu sehen, der stark übergewichtige Wirt. In seinem Lokal aß die Familie Stresemann zusammen mit den von Winterfeldts. Ein Stück Berliner Sommergeschichte strahlte mir aus dem Buch entgegen.

„Blaue Havel, Grunewald“, schreibt die Sängerin Mafalda Salvatini im Juni 1929, „Grüsse Sie alle beide, Grüss, und sag, ich käme bald.”

Deutsche Gästebücher sind ein Tummelplatz für schlechte Reime, aber immerhin: Das Bemühen ist erkennbar.

„Küche und Keller waren fein, Konnten gar nicht besser sein. Es war so feierlich – und kein Zoff. Ich komme bald wieder: Claire Waldoff.“

Ich bevorzuge eher die schlichte Variante: „Der Rehrücken war ausgezeichnet“, schreibt der Schauspieler Otto Wallburg im August 1929, „kann ich jedem empfehlen.“ Wallburg stirbt später im KZ, genauso wie andere Gäste, die Schauspieler Paul Morgan und Max Ehrlich zum Beispiel.

Was zunächst folgt, ist die Weltwirtschaftskrise, die Berliner Schickeria zerfällt. Kannenberg schließt die „Hütte“ und übernimmt „Pfuhls Hütte“ in der Stresemannstraße. Plötzlich, im Jahr 1931, verschwinden Schriftsteller und Schauspieler aus dem Gästebuch – genauso wie Juden. Stattdessen füttert Kannenberg Frontkämpfer, die mit „Front Heil!“ unterschreiben.

Zugegeben: Ein Wirt muss sich anpassen, nach dem Motto: „Survival of the fattest“ – der Fetteste überlebt. 1932 beschließt Kannenberg, von Berlin nach München zu gehen. Dort übernimmt er das „Kasino im Braunen Haus“. Der Maler Bernhard Zickendraht, einer seiner Gäste, verfasst ein längeres Gedicht, in dem er Kannenberg wegen dessen Nähe zu Hitler anhimmelt: „Was wenigen Sterblichen ist beschieden, was der sehnlichste Wunsch von Millionen ist, dieses grosse Glück hast du hienieden, der Du alltäglich um Ihn bist …“

Haben Sie immer noch Hunger? Ich nicht. Es gibt eben doch genügend Gründe, die fürs Kochen zu Hause sprechen.

Aus dem Englischen übersetzt von Fabian Leber.

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