My BERLIN : Die Angst-Amerikaner zu Gast

Tom Cruise wandelt durch die Stadt, Brad Pitt isst Gammelfleisch in der Torstraße. Berlin wird immer mehr zu einem Los Angeles minus die Rapper und Crack-Süchtigen.

Roger Boyes

Irgendwann werden sicher Gedenktafeln aus Bronze auf den Rückenlehnen im „Bocca di Bacco“ angebracht. „Tom Cruise hat hier Penelope Cruz in die Wüste geschickt, 2005“, stünde dann auf einer. Katie Holmes könnte dann dort sitzen, während sie Carpaccio di Polpo mit ihrem Ehemann isst. Oder Nicole Kidman, wenn sie nächste Woche nach Berlin kommt. Das Restaurant ist zum Club der Tom-Cruise-Ehefrauen geworden.

Berlin wird immer mehr zu einem Los Angeles minus die Rapper und Crack-Süchtigen. Matt Damon kommt zu Besuch und tut, als würde er Tom Cruise nicht erkennen, obwohl der im selben Restaurant sitzt (lag es an der Sonnenbrille? Dem Stauffenberg-Haarschnitt?). Nick Cage schaut vorbei, bevor er sich eine Burg kauft. Brad Pitt isst Gammelfleisch in der Torstraße. Anders als bei der Berlinale landen diese Stars nicht einfach auf dem Roten Teppich, sondern treten mit der Stadt in Beziehung. Tom Cruise geht zu Ulrich Mühes Beerdigung. Robert Redford ist mit seiner deutschen Freundin in der Stadt, Jude Law kommt rüber, um seine deutsche Freundin zu besuchen. Brad und Angelina treffen hier Architekten und vergleichen Kindergärten.

Interessant ist nicht so sehr, dass diese Menschen hier sind, sondern dass sie hier gute Filme drehen. Mein oberflächlicher Eindruck vom Set hat mir ein positives Gefühl über den Stauffenberg- Film vermittelt: Hollywood kann trotz aller seiner Schwächen echte kreative Energie erzeugen, Geschichte mit Leben füllen, statt sie auf Kitsch zu reduzieren.

Wie die meisten meiner Generation bin ich mit einer starken Skepsis gegenüber Hollywood aufgewachsen und dem alles erdrückenden Konformismus der großen Filmstudios. Es war schlicht undenkbar als Student, sich stundenlang mit einem Mädchen über Charlton Heston oder sogar Jack Nicholson zu unterhalten. Elegante Kritik an französischen, schwedischen oder italienischen Filmen beeindruckte jedoch jeden.

Inzwischen wirkt es, als versuchte Hollywood den Rahmen für einen inneren Dialog in Amerika zu setzen. Was ist Krieg? Wo liegen die Grenzen amerikanischer Macht? In der Vergangenheit interessierten sich die Filmemacher lediglich für eine einzige, halbpolitische Frage: Was heißt es, amerikanisch zu sein? Klar, auch über Vietnam gab es kritische Filme, aber erst lange nach dem Krieg. Die neuen Filme entstanden mitten im Krieg (drei: Irak, Afghanistan und der „Krieg gegen den Terror“). Und die Frage, die sie in den Raum stellen, ist interessant: Wie setzen wir uns als Amerikaner mit dem Rest der Welt auseinander?

In „The Valley Of Elah“ legt sich der Veteran Tommy Lee Jones mit der Armeebürokratie an, um herauszufinden, wer seinen Sohn in einer besoffenen Nacht nach einem Einsatz im Irak umgebracht hat. Brian de Palma hat gerade „Redacted“ fertiggestellt, das eine Reihe von Geschichten über US- Soldaten erzählt, in Form von Blogs, Youtube-Sequenzen und Videofilmen. Und Robert Redfords „Lions for Lambs“ verfolgt zwei Studenten, die sich, von ihrem Professor inspiriert, aufmachen, um in Afghanistan zu kämpfen. Fast 20 solcher Filme kommen demnächst in die Kinos, keiner davon ist dumpfe amerikanische Propaganda. Sogar die weniger erfolgreichen – Angelina Jolie als Witwe eines Journalisten, der von Islamisten umgebracht wurde – haben eine eindrucksvolle psychologische Tiefe. Amerika ist in einem Zustand von Verunsicherung und Angst, und die Berliner sind in der privilegierten Lage, die Protagonisten hautnah erleben zu können – während ihres kurzen Berliner Exils und in den Kinos.

Ich hoffe, dass sich die Deutschen, und nicht nur die 20 000 Feuilletonleser, damit auseinandersetzen. Die Karl-May-Ausstellung im Deutsche Historischen Museum erinnerte mich daran, dass den Deutschen ein fiktives Amerika lieber ist als das reale. Entweder das edle Amerika von Winnetou oder das furchtbare Amerika, das Regime stürzt und uns Cheeseburger aufzwingt.

Das wahre Amerika war immer mehr als die Karikatur vom Bush- Land. Der Einmarsch in den Irak war blind (der Widerstand der Deutschen dagegen aber auch). Er war Teil einer Debatte über Werte, die auch den Europäern gut zu Gesicht stünde. Nämlich: Woran glaubt der Westen? Lohnt es sich, dafür Leben zu opfern? Der Krieg war katastrophal geführt, und damit nahm diese Debatte einen anderen Kurs.

Es war deprimierend, bei meinem Bäcker eine Frau sagen zu hören, beim Essen eines Puddingplunders, dass „die Amerikaner nichts als Ärger machen“ – als ob die Bedrohung in dieser Woche von einem Texaner ausging und nicht von Fritz aus Neu-Ulm.

Wenn Deutschland Amerika je versteht – und das Land nicht nur als naiv und bigott abtut –, muss es genauer hinhören. Wer Angst hat, nach Amerika zu reisen, braucht einfach nur ins Kino zu gehen. Ausnahmsweise haben Hollywoods Schauspieler und Regisseure etwas Interessantes zu sagen.

Übersetzt von Moritz Schuller.

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