My BERLIN : Die deutsche Konsenssoße

Roger Boyes[The Times]

Vor einigen Jahren war ich während einer Lesereise in Rostock. Mir gefiel der raue Charme der Stadt, ihre Energie, der grobe Humor, die Sturheit. Und deshalb ließ es mich auch kalt, dass nur elf Menschen zu meiner Lesung gekommen waren. Geradezu gemütlich hätte es sein können, wenn nicht von der Straße Gebrüll heraufgedrungen wäre. Jemand verlangte offenbar, dass ich die Stadt verlassen sollte: raus, raus, raus. Ich bat den Buchhändler, das Fenster zu schließen. Nach einer halben Stunde entstand im Publikum Unruhe. Kurz darauf wurde aus meiner Fußballmannschaft ein Handballteam. Irgendwann gab ich auf, sehr zur Erleichterung der restlichen Anwesenden.

Später wanderte ich durch die Stadt auf der Suche nach einem harten Drink. Da löste ich das Rätsel meiner plötzlichen Unbeliebtheit: Es gab einen zweiten Buchladen – und in dem las Eva Herman. Tagesschau-Eva, das Eva-Prinzip-Eva. Bei ihr war die Bude rammelvoll. Mein Publikum, vielleicht nicht an der Spitze des Intelligenzspektrums, war zum falschen Laden gekommen, die Demonstranten auch. Na ja, Meck-Pomm, kann vorkommen.

Daran musste ich wieder denken, als ich neulich bei einer Lesung von Thilo Sarrazin war. Wie bei Eva Herman war der Raum zum Bersten voll. Es war weniger eine Lesung als eine Kundgebung Gleichgesinnter. Thilo ist, wie Eva, zu einem Guru geworden.

Nirgendwo auf der Welt habe ich so etwas erlebt. In Großbritannien füllen Rockstars die Räume, nicht Autoren, außer sie heißen J.K. Rowling. Im kommunistischen Russland quetschten sich die Leute ins Zimmer von Jewgeni Jewtuschenko, und das ist vielleicht die beste Analogie: Das Publikum kommt, um Worte und Ideen zu hören, die ihm nach seiner Wahrnehmung von der offiziellen Publizistik verwehrt werden. Deutschland, das ist mein Eindruck, ist ein Land der stillen Mehrheiten geworden, entfremdet von der Konsensmeinung, die ein übervorsichtiges öffentlich-rechtliches Fernsehen und eine politische Klasse verbreiten, die dem normalen Menschen nicht traut oder ihn nicht versteht.

Also rief ich Eva Herman an und fragte sie, was sie heutzutage so macht, und hörte, dass sie wieder einmal zu einem Gerichtstermin geht wegen ihrer Entlassung beim NDR – und das vier Jahre nach der Affäre. Nach unserem Gespräch schaute ich mir auf Youtube die berüchtigte Talkshow mit Johannes B. Kerner an. Eva H. wird aus dem Paradies entlassen. Ich erinnerte mich an die womöglich schändlichste Episode in der neueren Geschichte deutscher Talkshows. Die Pastellversion der Geschichte, wie sie die Manager des öffentlich-rechtlichen Fernsehens präsentieren, lautet, dass Kerner seine soziale Rolle erfüllt hat, in dem er Grenzen setzt, wie weit man in der Öffentlichkeit Sympathien für Naziideologie zum Ausdruck bringen darf. Die Zuschauer werden sich anders an die Sendung vom Oktober 2007 erinnern. Wie ich. Meiner Erinnerung nach, von Youtube erneuert, versuchte Kerner Eva Herman dazu zu bringen, Dinge zurückzunehmen, die sie überhaupt nicht gesagt hatte. Wie eine Szene aus Koestlers „Sonnenfinsternis“, Orwell, Kafka: ein Versuch, sie zu zwingen, Gedankenverbrechen zu beichten und um Vergebung zu bitten.

Zugegebenerweise lag Eva Hermans Ursünde in einem unklaren Satz. Aber ihre Botschaft war gleichwohl klar: Sie will die Vollzeitmutterschaft rehabilitieren, weil, so ihr Argument, Untersuchungen zeigen, dass das besser für das Kind ist. Ohne Frage ein bewusster Angriff auf die meisten feministischen Ansichten. Man kann gegen Hermans Texte einiges einwenden, aber es ist der falsche Weg, sie als Nazi zu bezeichnen, wenn sie es offenkundig nicht ist. Hermans Rausschmiss erfolgte, als sie sagte: „Es sind auch Autobahnen gebaut worden damals, und wir fahren heute drauf!“ Als ich britischen Kollegen zu erklären versuchte, dass dieser Satz ein deutsches Tabu bricht, waren sie sprachlos. Die spinnen, die Deutschen.

Mobbing gehört natürlich zur modernen Fernsehunterhaltung dazu, von Big Brother bis Dschungelcamp. Und Herman ist ein Fernsehprofi, der ein Buch zu verkaufen hatte. Sie hätte also nicht ganz so überrascht sein dürfen. Aber das war eine Kerner-Affäre und keine Herman-Affäre. Sarrazin hatte es leicht im Vergleich – die Verkaufszahlen machten es schwerer, ihn abzutun –, aber auch ihn wollte man zum Paria machen. Das ist leichter und ungefährlicher, als sich mit seinen Argumenten auseinanderzusetzen oder sein Buch zu lesen. Deutschlands Konsenskultur hat Stärken, aber auch einen bösartigen Zug: die Übereile, Nicht-Konformisten zu Außenseitern zu erklären und sie ins Dunkel zu verbannen.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben