My BERLIN : Die Deutschen sind die besseren Verlierer

Roger Boyes[The Times]

Mich auf Fußball anzusprechen, ist etwa so sinnvoll wie Stevie Wonder auf Rembrandt oder Dieter Bohlen auf „Fidelio“. Sie kriegen eine Meinung – aber bar jeder Autorität. Das nur vorweg, nicht nur weil ich Sportallergiker bin, sondern aus England komme.

Erinnern Sie sich an England? Dieses chaotische, überteuerte Land, das den Fußball zwar erfunden, nun aber herausgefunden hat, dass es das Spiel gar nicht richtig kann? In diesen EM-Tagen fragen mich immer wieder Berliner mit besorgtem Blick, wie ich mich so fühle. Normalerweise begrüße ich jeden seltenen Anflug Berliner Humors; nach einer Weile wird der Witz aber langweilig (Lottoverkäufer: Na, Herr Boyes, wieder einmal Ruhetag beim englischen Team? Bäcker: Cricket ist ein nettes Spiel, oder?).

Psychotherapeuten würden unser gegenwärtiges Problem wohl Spielausschlusssyndrom nennen; Länder wie Irland oder Ungarn kennen das seit Jahren. Zuerst machen sie für die gescheiterte Qualifikation eine Verschwörung verantwortlich. Dann den Trainer. Dann die Deutschen. Nach einer Phase der Trauer akzeptieren sie schließlich, dass schlicht die Talente fehlen – tun dann aber so, als sei nächstes Jahr alles wieder in Ordnung.

Natürlich ist das alles irrational. Im nächsten Stadium – wenn sie erkannt haben, dass sie nicht herumkommen, das Turnier im Fernsehen gucken zu müssen – suchen sie nach einem Stellvertreterteam. Engländer haben dafür ein einfaches Kriterium: Wer kann die Deutschen schlagen? Engländerinnen neigen dazu, Teams mit gut aussehenden Spielern zu favorisieren; dieses Jahr scheint Portugal das Team zu sein, mit dem die meisten gerne ins Bett gehen würden. Im nächsten Stadium – das wir noch nicht erreicht haben – werden wir zur Kenntnis nehmen, dass Deutschland gewinnen wird – und der Welt sagen, dass das nur am Chelsea-erprobten Michael Ballack liegt.

Ich selbst werde wohl nicht derart kapitulieren; lieber genieße ich die Freizeit. Etwa Sex and the City gucken – im leeren Kino, während eines Deutschlandspiels, da kann man sich sicher sein, nicht von anderen Männern belästigt zu werden.

Auch auf der Geburtstagsfeier der Königin beim britischen Botschafter fehlte die Großbildleinwand, die vor zwei Jahren noch da war. Es hätte geschmacklos gewirkt. Ich geriet dort in die Fänge eines anglophilen Professors; er erklärte mir, die Briten seien wahre Meister im Verlieren.

Zuerst erfanden wir Spiele – Fußball, Rugby, Kricket, Golf – und machten die Regeln so, dass nur wir gewinnen konnten. Dann wollten wir den Wettkampf, luden Ausländer ein – und verloren. Wir antworteten darauf mit dem Konzept des „guten Verlierers“ und des „Fairplay“.

Es stimmt, die Engländer sind furchtbare Verlierer auf dem Platz. Deshalb haben wir so grobe, hässliche Fans. Wir sind nur gut darin: A) Weltreiche zu verlieren. Die meisten unserer Kolonien haben wir gewaltlos verloren; zuerst haben wir den Leuten beigebracht, wie man Kricket spielt und Tee trinkt. B) Wahlen zu verlieren. Ein paar der besten je gehaltenen politischen Reden lieferten Leute ab, die gerade eine Wahl verloren haben. C) Unsere Jungfräulichkeit zu verlieren. Dieser Ruf ist englischen Mädchen bedauerlicherweise bereits auf den Kontinent vorausgeeilt.

Was jedoch den Sport betrifft, naja. Vielleicht sollten wir von den Deutschen lernen. Erinnern Sie sich, was in Deutschland vor der WM vor sich ging? Zuerst habt ihr der Welt prophezeit, alles gehe schief, die Stadien seien nutzlos, die Mannschaft schlecht (bin ich der Einzige, der sich noch an den Streit zwischen Beckenbauer und dem abwesenden Klinsi erinnert?). Kommentatoren – meist sahen sie so aus wie der Bestattungsunternehmer Günter Netzer – zogen über das deutsche Team her. Privat aber dachten die Deutschen – wie auch jetzt – „wir sind die Sieger, besser als diese schlüpfrigen Ausländer“. Man mag das Heuchelei nennen, tatsächlich ist es eine fast schon orientalisch anmutende Abneigung dagegen, Übermut und Arroganz zu zeigen. Wenn Deutschland verliert, dann hat das jemand vorhergesehen. Schnell wird ein Sündenbock gefunden; hauptsächlich fragt man sich jedoch, wie man das Problem lösen kann, schließlich sind wir ein Volk von Ingenieuren und Baumarkt-Kunden. Wenn Deutschland gewinnt, ist auch o. k.

Deutschland hat von den Briten die Schutzmacht über das Fairplay-Konzept geerbt. Wir haben nur nie daran geglaubt. Für die Engländer war Fairplay eine Maske, die wir überstreiften, um das Gesicht nicht zu verlieren. Jetzt sind wir weniger davon betroffen, was andere über uns denken; unser Ehrgeiz, erfolgreich zu sein, ist bloßgestellt. Leider fehlt noch das Talent.

Die Deutschen sind inzwischen so zurückhaltend, wie wir es sind; eine imagebewusste Gesellschaft. Ich freue mich für sie, wirklich. Und es geht an mir vorbei, wenn Deutschland gewinnt. Wenn der Moment kommt, sitze ich in einem klimatisierten Kino und esse Popcorn.

Viel Glück, Deutschland! (Ihr werdet es brauchen).

Aus dem Englischen übersetzt von Sebastian Bickerich.

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