My BERLIN : Die „Easy Rider“-Zeiten sind vorbei

Vor dem Café auf der Spinnerbrücke drängte sich eine lange Schlange, ständig musste man aufpassen, dass einem nicht der Fuß von einem nietenbesetzten Dallas-Cowboys-Motorradstiefel zerquetscht wird.

Roger Boyes[The Times]

„Männer müssen stinken“ stand auf dem Flicken, den der Mann vor mir auf den Kragen seiner Kutte platziert hatte. Er blieb dabei: sein fettiger grauer Pferdeschwanz roch nach, na ja, Pferdeschwanz. Motorradfahren im Sommer ist eine schweißtreibende Angelegenheit. Vor allem, wenn man 120 Kilo tätowiertes Fleisch in eine enge schwarze Lederwurst presst. Wie hieß es damals über Arnold Schwarzenegger in „Terminator“? Er sähe aus wie ein braunes Kondom, in das Walnüsse gestopft wurden. So sah die Schlange aus: viele Kondome, sehr viele Walnüsse.

Als Pferdeschwanz drankam, erwartete ich, dass er ein rohes Huhn bestellen würde, um ihm den Kopf abzubeißen – angeblich gute Sitte unter Hells Angels. Stattdessen orderte er Schokopudding.

Die Spinnerbrücke an der Spanischen Allee gehört nicht zu meinem natürlichen Wohngebiet. Von dort blickte man früher runter auf die Avus und die rasenden Motorräder. Die Spinner waren die Zuschauer – vielleicht auch die Motorradfahrer. So oder so hat die Geschwindigkeitsbegrenzung diesem verantwortungslosen Spiel ein Ende bereitet, aber das Café ist immer noch einer der beliebtesten Rocker-Treffpunkte. Die Motorräder werden dort ausgestellt wie fein parfümierte Rassehunde bei einem Wettbewerb. Über dem Biergarten wabert der Geruch von Benzin. Hier wartete Bernie auf mich. Er ist mein Biker-Kumpel und ich brauchte seine Bestätigung.

Ich hatte gerade die Memoiren von Bad Boy Uli gelesen, einem abtrünnigen Hells Angel aus Kassel, der behauptet, seine Truppe sei Teil der organisierten Kriminalität. Die meisten Leser dürfte das nicht erstaunen, für mich war es erschütternd. Wir weißen Durchschnittsjünglinge im Großbritannien der 60er bewunderten die Hells Angels als romantische Außenseiter in einem korrupten Amerika, das einen illegitimen Krieg in Südostasien führte. Natürlich waren die Hells Angels keine echten Helden, aber wir sehnten uns nach einem Stück ihrer Wildheit, ihrer Verachtung für Autoritäten. Wir waren 20 im Schlafraum meines Internats und als Zugeständnis an die Individualität ließen uns die Lehrer ein (nichtpornografisches) Poster in unseren Spind aufhängen. Die eine Hälfte entschied sich für Marianne Faithfull im engen Einteiler (sie hatte gerade mit Delon „Nackt unter Leder“ gedreht), die andere für Dennis Hopper aus „Easy Rider“.

Ich war ein Hopper-Fan, Bernie auch. Er ist ein Rechtsanwalt aus dem Ruhrgebiet, der sich auf Versicherungsbetrug spezialisiert hat. Aber er lebt für seine Ducati. Ich hatte mal „Easy Rider“ in einem Artikel erwähnt, er hatte mich auf einen Fehler hingewiesen, seit dem standen wir in unregelmäßigem E-Mail-Verkehr. Wir hatten uns seit Hoppers Tod im Mai nicht gesehen. Wie immer sah er absurd aus in seiner Lederkluft. „Hast Du Bad Boy Uli gelesen?“ „Ja. Totaler Quatsch. Schlecht für die Biker. Bald denken alle, dass nur Kriminelle auf dem Bock sitzen.“

Bernie wurde es ungemütlich in der Sonne. Drinnen sprachen wir eine Stunde lang über Dennis Hopper und seine Filme: Er war in „Denn sie wissen nicht, was sie tun“, „Giganten“ und „Apocalypse Now“ dabei, in Lynchs „Blue Velvet“, er war der Bösewicht in „Speed“. Warum heften sich einige Schauspieler im Gedächtnis fest, während andere einfach wegfallen. Hopper war wild und clever. Darum ging es in „Easy Rider“ – und um das Symbol Motorrad, ein durch und durch männliches Ingenieurswerk, mit dem man alle Probleme hinter sich lassen kann. Das alles geht über Kino und Filme weit hinaus: Als ich jung war, hatte sogar Schach seinen Rebellen – Bobby Fisher. Heute wird Wildheit als Zerstörung von Talent angesehen und der Instinkt besteht darin, Drogen konsumierende Sänger wie Amy Winehouse ins Gefängnis zu stecken. In den späten 60ern und frühen 70ern gehörten Rebellion und Talent für Sänger und Studentenrevolutionäre ganz natürlich zusammen. Wir dachten damals, wir führen alle verdammt schnell.

Bernie schaute auf die Uhr, ich auf meinen Blackberry: drei verpasste Anrufe. Er bot mir den Ersatzhelm und eine Fahrt in die Stadt an. Ich lehnte ab. Die Motorradjahre sind vorbei, man kann sie nicht wiederbringen. Der Schoko- Stinker schwang sich auf sein Bike und fuhr los mit einem Krach wie bei einem Mörserangriff. Ich hätte ihn fragen sollen, was er macht. „Bestimmt Realschullehrer“, sagte Bernie und zog den Reißverschluss hoch. „Wer sonst hat Zeit, nachmittags um vier Pudding zu essen?“

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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