My BERLIN : Die Neue Sparsamkeit

In Deutschland herrscht eine neue Atmosphäre der Zurückhaltung - nicht erst seit der Einführung des Sarrazin-Menüs.

Roger Boyes[The Times]

Man kann seinen Kopf auf vielfältige Weise verlieren, nicht alle sind gleich erfolgreich. Da ist, erstens, die Hitler-Methode: Man sitzt bei Madame Tussauds am Schreibtisch und überlegt, ob man erst Blondie und dann Eva vergiften soll oder umgekehrt, und plötzlich nimmt einen ein Mann in den Schwitzkasten, wie in diesen Pseudo-Ringershows im Fernsehen. Dabei geht einem natürlich der Kopf – reines Bienenwachs – abhanden.

Eine andere Methode, daran erinnerte mich in dieser Woche ein Film mit Kirsten Dunst, ist die Maria-Antoinette-Methode. Man führt ein glitzerndes Leben in Versailles, das nur ab und zu von schlecht gelaunten französischen Bauern unterbrochen wird, die mehr Brot verlangen. Da man ja nicht ohne Mitgefühl ist, antwortet man ihnen, stattdessen Kuchen zu essen. Die mögen das nicht hören, und kurz darauf verliert man seinen Kopf.

Das moderne Equivalent zu Marie-Antoinette ist natürlich Thilo Sarrazin, der den Bauern – äh, Hartz-IV-Empfängern – sagte, dass sie sich von 3,98 Euro ernähren können, was unter dem Regelsatz von 4,25 Euro liegt. Herr Sarrazin wurde daraufhin nicht einen Kopf kleiner gemacht, aber man spürt, dass das nur noch ein Frage der Zeit ist.

Es war nass und kalt, und ich war pleite, und deshalb beschloss ich, eines der Sarrazin-Menüs auszuprobieren. Ich stellte fest, dass er recht hatte. Müsli, Bananen, Kaffee, Joghurt, Honig zum Frühstück; Gemüsesuppe zum Mittag; Brot, Käse, Schinken zum Abendbrot: 3 Euro 80. Und doch gehen viele an der Armutsgrenze lieber zu McDonald’s, wo das Sparmenü 4,99 Euro kostet. Aber es ist eine freie Welt, und es gibt keinen guten (oder demokratischen) Weg, jemanden davon zu überzeugen, kein Happy Meal zu verzehren.

Die Sarrazin-Arithmetik und auch ihre Zurückweisung durch jene, die meistens auf einen sparsamen Lebensstil angewiesen sind, war eine Erleuchtung für mich: In Deutschland herrscht in der Tat eine neue Atmosphäre der Zurückhaltung, man könnte sie auch die Neue Sparsamkeit nennen – auch wenn es gerade die Wohlhabenden sind, die beginnen, jeden Cent zweimal umzudrehen.

Mein Freund und Nachbar besitzt drei fette Autos, aber kauft die Kekse 2. Wahl direkt vom Bahlsen-Werk in Tempelhof. Das wärmt bei mir alte Erinnerungen auf: Ich kann mich noch gut an den süßlichen Geruch aus der Bahlsen-Fabrik in Hannover-Linden erinnern, wohin ich Anfang der 60er Jahre immer mit meinen Eltern ging, um billig Leibniz- Kekse zu kaufen. Das war vor 40 Jahren, als Menschen sogar noch alte Bindfäden sammelten.

Die Mittelschicht verhält sich jedoch so, als wenn jene Zeit zurückkäme: als wenn ihr Wohlstand sich nur durch Notmaßnahmen sichern ließe. Sogar die Gutsituierten (nicht die mit drei Limousinen) mit jungen Kindern verschreiben sich der Neuen Sparsamkeit: Eine Familie fährt auf dem Rückweg aus den jährlichen Skiferien über Herzogenaurach, um sich in der Adidas-Fabrik mit neuen Sportschuhen für die Kinder einzudecken. Von Armut keine Spur, aber der Versuch, eine zunehmend teure Familientradition (Skiurlaub), den sozialen Druck auf die Kinder (Markenartikel) und das Sparen irgendwie unter einen Hut zu bringen.

Niemandem in der Mittelschicht ist es mehr peinlich, bei Aldi einzukaufen. Nur beim Wein muss man so tun, als käme er noch aus dem kleinen, französischen Geschäft in der Westfälischen Straße. Ein anderer Nachbar von mir organisiert seine Dienstreisen so, dass er immer einen Stopp in Memmingen einlegen kann, um seine Hugo- Boss-Anzüge direkt aus der Fabrik zu kaufen. Und ein anderer geht regelmäßig zu BVG-Auktionen, vor allem, weil er eine Regenschirmobsession hat. Sehr wenige Menschen reparieren heute ihre Regenschirme, die werden weggeschmissen und durch neue ersetzt. Meine Voraussage: Die Reparaturkultur kommt zurück.

Vereinfacht gesagt: Sparsamkeit gilt nicht mehr als kleinbürgerlich oder kleinlich. Im Gegenteil, in ihr drückt sich die Rückkehr zu den soliden Werten guter Haushaltsführung aus. Die Neureichen machen durch ihr Prassen nur ihre Vulgarität deutlich. Sparsamkeit verfügt deshalb über eine stille Würde: Sie hat weniger mit Geiz zu tun als mit Respekt vor Arbeit, vor dem Handwerk, vor wertvollem Eigentum und dem Wichtigem im Leben.

Die britische Version dieser Bewegung existiert schon länger: Sie nennen sich die Frugalisten – „frugal“ ist das englische Wort für kostenbewusst – und kaufen billige Kleidung in Wohlfahrtsläden und kombinieren sie elegant mit anderen Stücken. Es geht dabei um einen Lebensstil. Bücher werden wieder aus der Bücherei ausgeliehen, vor allem Kinderbücher. Mit dem Ergebnis, dass Stadtbüchereien, die wie Postfilialen, Telefonzellen und intelligente Bankbeamte dem Untergang geweiht schienen, nun wieder voller Leben sind. Und auch Schrebergärten sind nicht mehr Rückzugsraum für Spießer. Dort pflegen längst Akademiker, Architekten und sogar Journalisten ihr Gemüse.

Die Neue Sparsamkeit ist keine Mode. Und auch keine Zurechtweisung der wirklich Armen. Die Mittelschicht entwickelt schlicht Verteidigungsmechanismen, da die Welt gerade über ihrem Kopf zusammenbricht. Es ist kein kruder Geiz, der einen billige Kekse bei der Bahlsen-Fabrik kaufen lässt – sondern die Ablehnung des Konsumfetischismus und eine lange überfällige Rückkehr zu bürgerlichen Werten.

Übersetzt aus dem Englischen von Moritz Schuller.

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