Meinung : MY BERLIN Die Schule des Sex

Roger Boyes

Großbritannien steht vor einem Rätsel: Eine neue Studie zeigt, dass Oxford-Professoren vier Jahre länger leben als der Durchschnittsmann. „Das wundert mich wirklich“, sagte ein 101-Jähriger. Na okay, Professor, lass mich eine Erklärung finden. Guter Wein, wunderschöne College-Gebäude, Räume voll mit Büchern und minimaler Kontakt zur wirklichen Welt – das ist die Formel für ein immer währendes Leben.

Berliner Lehrer leben im Gegensatz dazu wahrscheinlich vier Jahre weniger als jeder andere. Der Stress ist groß. Aber ich frage mich, ob wir die Ursachen für diesen Stress richtig analysieren. Die jüngste Veröffentlichung der Senatsverwaltung legt nahe, dass die zunehmende Gewalt von Schülern – der Erfurt-Effekt – auf die Lehrer gewaltigen Druck ausübt. Aber Gewalt spielte schon immer eine Rolle auf dem Schulhof; ich sehe darin keinen Indikator für einen kulturellen Untergang. Eine besonders charmante Erinnerung an meine Schulzeit handelt davon, wie mein Kopf in eine Toilette voller Exkremente gedrückt wurde. Einer der Übeltäter hieß Jones und ist jetzt Bischof von Liverpool. Ich habe es überlebt, aber ich wünsche mir ernsthaft, dass dieser Mann in der Hölle schmort, zusammen mit den anderen anglikanischen Bischöfen, die dort schon auf ihn warten.

Das Problem der Lehrer ist nicht die Gewalt an sich, sondern der Umgang mit Teenagern, die sich in der Gewalt einer hormonellen Umstellung befinden. Es ist der Sex, nicht die Gewalt, der die Schule so unberechenbar macht. Die Dynamik des Klassenzimmers hat sich in den letzten zehn Jahren verändert: Die Kinder werden kommerzialisiert (der Designer-Klamotten-Wahn), politisiert (man erinnere sich nur an den Kinder-Aufstand gegen Bush) und vorzeitig sexualisiert. Eigenbrötler wie Michael Jackson werden für diese Generation vermarktet, eine Generation, die permanent ihrer Unschuld beraubt wird. Lesen Sie die Ausgaben von „Bravo“: Wie sage ich ihm, dass ich einen Orgasmus hatte? Bläst man beim „Blasen“ wirklich? Was kann ich tun, fragt ein 14-jähriges Mädchen, dass mein Freund länger kann? Die Antwort von „Bravo“: Übung, Übung, Übung. Oh, und kaufe „Performa“-Kondome, die sind sehr gut, weil speziell für junge Jungs.

Es tut mir Leid, dass ich Ihnen solche Themen zum Samstags-Frühstück zumute. Es ist schlimm genug, dass die FAZ dem Verspeisen eines Computerexperten-Penis eine Seite gewidmet hat. Aber die Eltern scheinen nicht zu begreifen, was ihren Kindern widerfährt. Ein schockierender Aspekt des ErfurtMassakers war, dass die Eltern nicht wussten, dass und weshalb ihr Sohn von der Schule geflogen war. Neunjährige Mädchen schminken sich – das gehört zum neosexuellen Wettrennen in der Schule. Der auf Weihnachten zugeschnittene Film „Tatsächlich Liebe“ präsentiert einen zehnjährigen Jungen, der einen Flughafen unsicher macht, um der gleichaltrigen Freundin seine Liebe zu erklären. Da wird mir unwohl.

Die Lehrer spüren die Veränderung, sind aber zu beschäftigt mit dem Unterricht. Und die Eltern sind glücklich, dass sie ignorant sein dürfen. Entwickeln sich ihre Kinder zu normalen, wohl erzogenen Erwachsenen? Das kann man nur hoffen. Aber eines ist sicher: Berlins Lehrer beneide ich nicht.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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