My BERLIN : Die Wahrheit über Weihnachten

Eine Anregung für Weihnachten 2008: Vergessen Sie die Suche nach dem perfekten Spielzeug. Vergessen Sie überteuerten Haustier-Ersatz. Erzählen Sie Ihren Kindern die Wahrheit.

Roger Boyes[The Times]

Manche Berufe erfordern die Fähigkeit, ein überzeugender Lügner zu sein. Ich meine hier nicht die offensichtlichen Kandidaten – Politiker oder Diplomaten –, sondern die Berufe, die unser tägliches Leben prägen. Der Arzt zum Beispiel („es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen“), der Immobilienmakler („es gab nie einen besseren Zeitpunkt, um in Eigentum zu investieren“) oder der Koch („es war vorgesehen, dass das Essen so schmeckt“). Der Schwindel gehört zum Kern bürgerlichen Lebens – man muss nicht in einer Stammheim-Zelle sitzen, um zu dieser Einsicht zu gelangen. Der unehrlichste Beruf ist bestimmt der des Spielwarenverkäufers. In der Vorweihnachtszeit versucht er sich an der größtmöglichen Täuschung: dass man irgendwo das perfekte Spielzeug kaufen kann, mit dem man ein Kind glücklich macht.

Das ist die zentrale Irreführung des Weihnachtsfests: nicht die harmlose Lüge, dass der Mann im Wohnzimmer mit dem falschen Bart und Vaters Timberland-Schuhen der Nikolaus ist. Der eigentliche Betrug an den Kindern ist die Tatsache, dass ein Spielzeug nicht mehr ist als Ablenkung. Ein Spielzeug ist eine Sache, die teuer hergestellt wurde, um dann innerhalb von Stunden oder Wochen weggeworfen zu werden.

Ich bekam als Kind viele Geschenke. Doch ich habe nur die römischen Elastolin-Soldaten in guter Erinnerung behalten. Es gibt auch Menschen, deren Liebe zu Modellbahnen einige Weihnachtsfeste überdauert hat. Hans Eichel gehört dazu, Phil Collins auch.

Dahinter steckt bestimmt die Liebe zur Ordnung, das Verlangen, eine ur-faschistische Idylle zu schaffen und zu kontrollieren, in der die Züge pünktlich fahren und die Leute niemals auf etwas antworten. Das bevorzugte Weihnachtsgeschenk für Jungs war jahrelang die Carrera-Bahn, eine Art Autobahn-Training für Kinder. Für Mädchen waren es diverse Ergänzungen für die rosafarbene Barbie-Welt. Doch diese Geschenke bleiben inzwischen noch nicht einmal mehr bis Neujahr interessant.

Das begehrteste Spielzeug im KaDeWe in diesem Jahr ist Pleo, ein Dinosaurierbaby mit 38 Sensoren, einem Stereomikrofon und einer eingebauten Digitalkamera. Pleo lernt zu laufen, liebt es zu knuddeln, folgt der menschlichen Stimme und erkennt dank einer Lichtschranke Essen, das in seinen Mund gestopft wird. Es kann alles, außer auf den Teppich zu machen. Und darum geht es. Es erzieht Kinder zur Verantwortung, ohne die Sauerei und Kosten eines Haustiers.

In diesem Sinne ist Pleo Teil des großen Weihnachtsschwindels. Die Botschaft an die Kinder: Du kannst noch keine Katze haben, probiere es erst mal mit dem Dino. Deshalb geben Eltern in dieser rezessionsgeplagten Weihnachtszeit mehr als 300 Euro für Pleo aus. Sie spekulieren darauf, dass sie nie ein Haustier kaufen müssen und sich 14 Jahre lang Tierarztrechnungen ersparen.

Eine Rezession ist eigentlich die Zeit, in der Eltern eine ihrer selbstgeschaffenen Legenden aufgeben. Dass ein echtes Weihnachtsfest nur mit einem echten deutschen Geschenk gefeiert werden kann: ökologisch wertvollen Holzbauklötzen, Märklin-Bahnen, Ravensburger Puzzles. Aber natürlich ist „Made in China“ billiger. Vergessen Sie deshalb deutsche Qualität. Während dieser Weihnachtszeit werden Eltern mit der Wahrheit konfrontiert, dass Geschenke Ramsch sein können. Die Anschaffung von Pleo kann vielleicht noch aus pädagogischen Gründen gerechtfertigt werden, aber die meisten Geschenke sind deutlich günstiger zu haben. Bei Hamley’s, Londons Top-Spielwarenhaus, kostet das bevorzugte Produkt kaum mehr als einen Euro. Die Figur wird Gogo genannt, ist aus Plastik, man kann sie aufziehen und dann zuschnappen lassen. Dieses einfache Spielzeug hat die Fantasie von Kindern angeregt. Eltern, von denen viele in der Rezession der früheren 80er Jahre mit einem Rubik’s Cube aufwuchsen, stimmen dem zu; die Lehrer nicht, seitdem die Kinder mit Gogo auf ihren Pulten herumspielen.

Hier also eine Anregung für Weihnachten 2008: Vergessen Sie die Suche nach dem perfekten Spielzeug. Vergessen Sie überteuerten Haustier-Ersatz. Erzählen Sie Ihren Kindern die Wahrheit. Und suchen Sie nach etwas Einfachem und Billigem, einem Spielzeug, das lustig ist. Vielleicht sogar ein Buch. Ich wette, dass sie sich später als Erwachsene am ehesten an diese bescheidenen Weihnachten erinnern werden. Und wenn sie sich beschweren, schlagen Sie sie. Ich finde, dass dies üblicherweise den gewünschten Effekt bringt.

Aus dem Englischen übersetzt von Fabian Leber.

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