My BERLIN : Eintrag 9. Januar: „Heute war ich beim Zahnarzt.“

Roger Boyes wollte schon immer mal Tagebuch führen. Beim Tagesspiegel hat er endlich die Gelegenheit dazu. Und rechnet erstmal mit dem Thema "Journalistentagebücher" ab.

Roger Boyes[The Times]

Tief vergraben in meinem Geschenkestapel – eine Gummiwärmflasche, die meine Heizkosten senken soll, der Schädel eines Rentiers (tot) von einem finnischen Fan, ein Schweizer Armeemesser (in Tegel einkassiert) – fand sich in diesem Jahr ein schwarzer, ledergebundener Kalender. Er hat für jeden Tag eine Seite. Und damit wirft er die Frage auf: Wird 2008 es wert sein, aufgeschrieben zu werden?

Ich wollte schon immer der Typ Mensch sein, der Tagebuch führt. Diese besondere Disziplin aufzuwenden, auch nach dem „Tatort“ wachzubleiben, um das vergeudete Wochenende zu rekonstruieren, das Gequatsche morgens beim Bäcker, und aus sich selbst diese kleine Lüge oder jenen unglücklichen Moment herauszuklauben.

Doch in Wahrheit habe ich eine instinktive Abneigung dagegen, irgendetwas ohne Bezahlung und ohne Abgabedruck zu schreiben. Die Tagebücher von Journalisten sind ohnehin die unzuverlässigste Quelle – wie William Shirers „Berliner Tagebuch“ zeigt, das immer noch als modellhafte Chronik eines Ausländerlebens im „Dritten Reich“ gilt. Um zwei Uhr morgens am Neujahrstag 1940 steigt Shirer in ein Taxi. Plötzlich klettern eine Mutter, ein Vater und ihre zwölfjährige Tochter zu ihm auf die Rückbank. Kurz darauf setzen sich ein Soldat und seine Freundin vorne neben den Fahrer. Der Soldat – Shirer meint, er leide an einer Kriegsneurose – brüllt seine Freundin an, hinten fängt das Mädchen an zu weinen, der Fahrer schmeißt alle raus und der Vater und der Soldat prügeln sich auf der Straße.

Glauben Sie das? Acht Menschen in einem Taxi? Eine Zwölfjährige 1940 um zwei Uhr morgens auf dem Ku’damm? Eine Neurose so früh nach Kriegsbeginn? Die Schwäche von Journalistentagebüchern (das Gleiche gilt heute für Blogs) liegt darin, dass sie aus Begebenheiten Metaphern schaffen wollen. Selbst wenn sie sich am Rande des Weltgeschehens befinden, möchten sie Teil des Wesentlichen sein. Und so werden aus Beobachtern Neu-Erfinder.

Wahre Tagebuchschreiber wie Samuel Pepys, der das Londoner Leben während der großen Pest festhielt, haben den Mut, langweilig zu sein. Die Geschichte ist für ihn Hintergrundmusik, die in den Ohren mitklingt, aber was ihm wirklich wichtig ist, ist die Tatsache, dass seine Frau sich ihre Hand am Ofen verbrennt und der Hund eine schwache Blase hat. Es ist der Schwall des Alltäglichen und nicht die unerbittliche Suche nach dem Bedeutungsvollem, das ein Tagebuch glaubwürdig macht. „Die Berliner Tagebücher“ der Missie Wassiltschikow von 1940–1945 sind vollkommen trivial, ohne jegliche politische Intention. Silvester 1941: „Mit Tino Soldati und anderen Freunden in einem Separee im Horchers zu Abend gegessen … Eine ausgezeichnete Band spielte zu jedermanns Entsetzen um Mitternacht ,Deutschland über alles‘.“ Diese Nüchternheit der Einträge, dieses Geflüster von Ironie macht ihr Tagebuch historisch so interessant.

Ein guter Tagebuchautor braucht ein gutes Auge, einen Sinn für das Absurde und die Kunst, treffende Beobachtungen zu machen. Hier ist, was die Schriftstellerin Virginia Woolf am 29. Januar 1939 nach einem Treffen mit Sigmund Freud schreibt: „Ein verrückter verschrumpelter uralter Mann, mit den hellen Augen eines Affen, gelähmt-krampfartigen Bewegungen, unverständlich, aber aufmerksam.“ Eine vermeintlich oberflächliche Beobachtung, die so sorgfältig konstruiert ist, dass sie den Kampf eines Mannes gegen seinen Verfall verdeutlicht.

Tatsache ist, dass die besten Tagebücher die Arbeit von Voyeuren sind, die das Innere nach außen kehren. Einer der interessantesten Einträge in dem 700-Seiten-Werk von Alastair Campbell, dem ehemaligen Presseberater von Tony Blair, schildert, wie Campbell nach oben geht und seinen Chef nackt auf dem Bett liegen sieht, wie er gerade einen geheimen Bericht liest. Campbell ist das peinlich, Blair nicht. Man kann sich nicht vorstellen, dass Ulrich Wilhelm etwas Ähnliches über Angela Merkel schreiben würde.

Wenn ich Woolfs Beobachtungsgabe hätte, Campbells Liebe zum Klatsch und keine Angst, langweilig zu sein, dann würde ich nächste Woche vielleicht mit dem Schreiben anfangen. Aber mir fehlt der Beichtwille, persönliche Demütigungen gehören unterdrückt, nicht aufgeschrieben. Vor allem aber geht mir der starke Glaube ab, dass 2008 eine Wende bringt für Deutschland, die Gesellschaft, meine Familie, für mich. Man braucht viel Optimismus, um an den historische Bedeutung des neuen Jahres zu glauben. Mir hängt, ehrlich gesagt, dieses ganze Jahrhundert bereits zum Hals raus. Meine Neujahrsvoraussage lautet: Ich werde ein Tagebuch beginnen und nach zwei Wochen, wie jedes Jahr, damit wieder aufhören. Jeder Historiker, der sich mit der Epoche zwischen dem 1. und 14. Januar beschäftigen sollte, kann sich bei mir melden. Es wird sicher eine spannende Lesefrucht werden, vor allem die Weisheitszahnbehandlung am 9. Januar.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben