Meinung : MY BERLIN Heiße Achse

Roger Boyes

Wegen der Hitze in der Stadt fühlte ich mich wie ein Labrador, der von einem Volvo überfahren wurde. Ich konnte mich kaum bewegen und gab bald auf, es überhaupt zu versuchen. Mit meiner linken Hand benutzte ich einen japanischen Fächer, um die Fliegen und Moskitos zu verscheuchen. Mit meiner Rechten hielt ich ein ungelesenes Buch und mit meinem behäbigen Hirn dachte ich über die Welt nach. Ich sah vermutlich ein wenig aus wie Karl Lagerfeld.

Das einzige, was mich aus meiner Dauer-Siesta holte, war ein Essen für den neuen britischen Botschafter Peter Torry. Er war vorher in Madrid und hat eine stachelige Beziehung in eine Liebesaffäre zwischen Tony Blair und Jose Maria Aznar verwandelt. Kann er etwas ähnliches in Berlin vollbringen? Mein erster Instinkt ist, ihm zu raten, seine Energien zu sparen, bis die Sonne in Berlin verschwindet, irgendwann im Juli.

Aber es gibt Aufgaben für den neuen Mann der Queen. Etwa dafür zu sorgen, dass die Leute Britannien nicht hassen. Beim der Eurovision muss sogar unsere Regierung gemerkt haben, dass wir nicht überall geliebt werden: Null Punkte. Man könnte argumentieren, England habe einen beschämend belanglosen Schlager angeboten, falsch gesungen von Leuten, die wie Tankwarte aussahen. Aber wir bieten immer Müll an, das ist der Sinn der Eurovision – und normalerweise stehen wir immer vorne, knapp nach skandinavischen oder baltischen Bands, die füreinander gestimmt haben. Unsere Null Punkte sind also eine Strafe für die britische Irakpolitik.

Zudem ist es Zeit, sich darüber klar zu werden, dass eine europäische Achse, beruhend auf beiderseitiger Schwäche, scheitern wird. Chirac dachte im Januar, er könnte die deutsch-französischen Beziehungen auf dieser Basis wiederbeleben – Schröder war diplomatisch so isoliert, dass er keine andere Wahl hatte, als in die tröstenden Arme eines Franzosen zu fallen. Die Briten spielen nun ein ähnliches Spiel: Blair stellt sich als wahrer Freund Schröders dar in der Stunde der Verzweiflung. Aber die Wahrheit ist: Blair wird zum schwachen Mann Europas. Er war einer der Gewinner des Irak-Kriegs – der Gipfel seiner Macht. Nun geht es bergab. Allein ein plötzlicher Fund von Biowaffen könnte den Verfall seines Ansehens stoppen. Er führte Britannien in den Krieg auf der Basis moralischer Führerschaft. Aber was, wenn die Wähler das Vertrauen verlieren? Werden die Briten für einen Euro abstimmen, den Blair empfohlen hat? Ziemlich sicher nicht. Werden sie ihm mehr Zeit geben, Krankenhäuser und Züge in Ordnung zu bringen? Unwahrscheinlich.

Im Gegensatz dazu sieht Schröder gesünder aus. Der Druck lässt nach. Nun beginne ich auf Partys zu hören: Schröder könnte zum bedeutendsten Politiker Europas werden, wenn Blair und Chirac verblassen und Bush sich auf die Innenpolitik besinnt. Auf dieser Basis sollte eine anglo-deutsche Achse gebildet werden: Blair könnte Schröder bald mehr brauchen als Schröder ihn. Aber solch eine Achse muss auch eine Funktion haben. Können Briten und Deutsche eine Reformwelle in Europa anführen? Können sie eine pragmatische europäische Identität hervorbringen?

Ich würde gerne denken, dass es so kommt. Aber die Hitze kann das Hirn verwirren. Die Hitze, die Fliegen.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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