My Berlin : Hier liegt das Gold auf der Straße

Die Deutschen sind die größten Goldbunkerer, vor den Amerikanern und Schweizern. Gold ist mehr als nur Ausdruck des Misstrauens in die Weltwirtschaft. Da muss mehr dahinterstecken.

Roger Boyes, The Times

Soll niemand sagen, die Berliner Wirtschaft stagniere. Überall in der Stadt sind Läden entstanden, die Gold an- und verkaufen. Einige von ihnen stellen Sicherheitsbeamte vor die Tür (die dürfen nicht nach drinnen, weil sie stark riechen – Waffentragen ist schweißtreibend), andere haben eine Klingel an der Tür wie bei einem Bordell. Alle haben schwere Stahlrolladen, die nachts runtergelassen werden.

Berliner tragen offenbar viel Edelmetall in ihren Mündern, denn diese Läden, neu oder neu gestrichen, sind gepflastert mit Schildern: Höchstpreise für Schmuck, Münzen und Zahngold. Wie funktioniert das mit dem Zahngold? Vermutlich schlendern die Menschen nicht in das Geschäft und reißen sich ihre teuer gefüllten Backenzähne heraus, um das Geld für die Miete zu sichern. Meine Recherche führte mich zum Stutti: Ein sehr netter libanesischer Händler erzählte mir, dass die Kunden mit ihrem eigenen Zahngold kommen, abgepackt in kleinen Tüten, nachdem sie neue Füllungen bekommen haben. Er wiegt es dann auf einer kleinen Waage und macht ein Angebot. Ganz einfach. Bei ihm klang es, als ob er mit Clementinen handeln würde. Einige hätten das Gold von ihren Eltern geerbt, ausgehändigt vom Krematorium. Und weil das Verkaufen von Zahnteilen einen so intimen Prozess darstellt, fast wie ein Verrat am eigenen Körper, erzählen die Kunden ihre Lebensgeschichten und von ihrer finanziellen Not, um die Schuldgefühle zu verringern. Das Zahngold ist die letzte Zuflucht.

Der Goldpreis ist jedoch verführerisch: Seit Beginn der Finanzkrise ist er immer weiter gestiegen, der qualitative Sprung fand vergangenes Wochenende statt, als 750 Milliarden Euro in einen Topf geworfen wurden, um die Währung zu stabilisieren. Das mag den Markt ein wenig beruhigt haben, aber es versetzte meine Nachbarn in Panik. Für sie war es das Zeichen, dass ihre Euro-Ersparnisse bald schmelzen könnten. Das Pfund und der Dollar machen auch keinen gesünderen Eindruck. Zeit also, um Gold zu kaufen. Oder zu verkaufen. Was auch immer als Nächstes passiert, Gold ist interessant. Vergangene Woche lag der Preis bei 1200 Dollar pro Feinunze (31,1 Gramm), das ist ein 35-prozentiger Anstieg seit der Krise. Das erklärt, warum Goldläden ein fester Bestandteil der urbanen Landschaft geworden sind. Je mehr Regierungen unternehmen, um die Krise abzuwehren, desto krisensensibler wird die Bevölkerung. In Deutschland bedeutet das: ein 20er-Jahre-Atavismus, jenes Gefühl, dass Geld verletzbar ist.

In der Wilmersdorfer Straße hat ein großzügiges neues Geschäft aufgemacht, das Bilder kauft und verkauft, Porzellan und Goldmünzen. Keine Zahngoldspelunke. Der Besitzer berichtet, es liefe ausgezeichnet: Kunden, die Gold kaufen, und solche, die es verkaufen, um in Immobilien zu investieren. Offenbar ahnungslos, was Auslandskorrespondenten so verdienen, empfahl er mir zu verkaufen, statt zu kaufen. Der letzte Höhepunkt war 1980 nach der sowjetischen Invasion Afghanistans: von 400 auf 850 Dollar in fünf Wochen. Ein Jahr später lag es bei 300 Dollar und brauchte 20 Jahre, um sich zu erholen.

„Danke“, sage ich und gehe am Sicherheitsfuzzi vorbei, „ich denke drüber nach.“ Und das habe ich getan: Die Deutschen sind die größten Goldbunkerer, vor den Amerikanern und Schweizern. Gold ist mehr als nur Ausdruck des Misstrauens in die Weltwirtschaft. Da muss mehr dahinterstecken. Meine eigene Faszination mit dem Metall begann als Schuljunge, als ich heimlich ins Kino ging, um mir den Bond-Film „Goldfinger“ anzuschauen. Der böse Auric Goldfinger wollte eine Atombombe in Fort Knox explodieren lassen, um seine eigenen Goldbestände so wertvoller zu machen.

Dem Gold haftet etwas von einem Fetisch an, vielleicht spüre ich bei diesen Zahngoldläden ein Unwohlsein. Vor vielen Jahren versiegelte der verrückte italienische Künstler Piero Manzoni 90 kleine Blechdosen mit den Worten Merda d’artista – Künstlers Scheiße. Die befand sich angeblich in den Dosen. Das Gewicht der Behälter wurde nach dem aktuellen Goldpreis bewertet (1960 lag der bei ungefähr 1,12 Dollar). Man konnte die Dosen nicht öffnen, weil so das Kunstwerk wertlos geworden wäre. Mit den Jahren wuchs der Wert von Manzonis Exkrementen schneller als der von Gold – vor kurzem wurde eine Dose für 80 000 Dollar auktioniert. Manzonis These: Der Preis für Gold hat so viel mit der Realität zu tun wie der Preis von Scheiße. Es ist mehr oder weniger ein Fantasieprodukt.

Trotzdem könnte der Senat Manzonis Konzept für das Hundekackeproblem nutzen: Merda di cani, eingepreist auf Goldniveau. Es könnte Berlins größte natürliche Ressource werden.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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