Meinung : MY BERLIN Hysteriker an die Macht!

Roger Boyes

In diesem Monat war es meistens zu heiß, um auch nur eine Zeile zu schreiben. Die einzig sinnvolle Beschäftigung bestand darin, die Siesta vorzuverlegen, schon während des Mittagsmagazins einzuschlafen und rechtzeitig für „Fliege“ wieder aufzuwachen. Oder darin, Zeit in Antiquariaten totzuschlagen und darüber nachzudenken, ob die Türme unverkaufter, vermutlich ungelesener Bücher in einem so stickigen August geschrieben wurden oder in einem passenderen Monat. Es ist kaum möglich (sagt man mir), Liebe zu machen, geschweige denn Worte oder Reden. Seltsam, dass die merkwürdigsten Menschen im April geboren (20. April?!) und demnach im August gezeugt wurden. Vertrauen Sie keinem Widder!

Ich mag den Geruch alter Bücher im Sommer, die Mischung aus Sonne und Staub. Meine jüngste Expedition hat einen Band mit Hausfrauenrezepten von 1837 zum Vorschein gebracht. Hier das Rezept gegen Hysterie: „Kümmelsamen, klein gerieben mit einer kleinen Prise Ingwer und Salz aufs Butterbrot geschmiert, jeden Tag, vor allem früh am Morgen und nachts vor dem Schlafengehen.“

Kein Wunder, ich war beeindruckt. Ein Rezept aus der Vor-Prozac-Zeit, als die Hysterie noch ein Zipperlein war und leicht zu heilen: durch stetiges Stullenessen. Irgendwann erklärte uns Freud, dass Hysterie etwas mit Sex zu tun habe. Diktatoren machten sich Massenhysterien zu Nutze. Radio und Fernsehen gaben der Hysterie ein nationales Forum: Erinnern Sie sich an Orson Welles, der aus „Krieg der Welten“ vorlas? Den BSE-Skandal? Die Anthrax-Panik? Hysterie huscht wie ein ungeliebter Nachbar nach Belieben in unserem Privat- und Politleben herum.

Der August ist ein ausgezeichneter Monat für hysterische Überreaktionen, dieser bot uns Ronald Schill. Dieser merkwürdig nichts sagende Mann hat es sogar geschafft, meine Vorstellung von Hysterie und Politik zu modifizieren. Schill ist nicht nur der Trottel, der in guter Shakespeare-Manier bisweilen die Wahrheit auströtet. Nein, Hysterie kann ein durchaus hilfreiches politisches Instrument sein. Der Eklat um Schill hat die politische Klasse Hamburgs entblößt – als starre Junta, die in holzgetäfelten Räumen vornehmlich dem Eigennutz frönt. Reich und politisch verwahrlost. Eine frigide Stadt von Medienbaronen, Zigarre schmauchenden Kaffee-Königen und Latte schlürfenden Tabak-Erben, dabei durch und durch korrupt.

Selbstzufriedenheit tropft aus jeder Pore der hanseatischen Gesellschaft. Ich kann mich an einen Sommerabend erinnern, heiß wie in diesem August, an dem ich in Hamburg am Ufer saß. Fette Kinder, die längst im Bett hätten sein müssen, warfen McDonalds-Pommes ins ölige Wasser. In der Luft der Geruch von Schiffsdiesel und das Gequake von Möwen. Plötzlich stand das Paar vom Nachbartisch auf – er in Chinos, sie in einer Rauchwolke – und küsste sich wie zwei Tauben. Der Mann (ein bekannter Journalist, aber viel, viel größer als Stefan Aust) sagte: „Wir sind uns also einig, du nimmst den Jungen, ich das Mädchen.“ Zufällig hatte ich die vorletzte Szene einer Hamburger Scheidung miterleben dürfen. Und wirklich: In Berlin machen wir so etwas anders.

Wer war noch gleich der Senator, der von Schills opernartigem Furor bloßgestellt wurde? Der Justizsenator? Der Bausenator? Oder etwa der Bürgermeister? Wer hat die Sache unbeschadet überstanden? Hamburg hätte eine Revolution gut getan. Stattdessen, dank Richter Gnadenlos, ein coup de theatre. Immerhin, besser als gar nichts. Also: Mehr Hysterie, bitte, für die Berliner Republik.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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