My BERLIN : Im Spaziergang aus der Krise

Das Schlimmste an Rezessionen ist, dass sie Menschen, die noch einen Job haben, Entscheidungen aufzwingen: Was behält man, wovon trennt man sich? Das Leben ist plötzlich einem gigantischen Entrümpelungsschub ausgesetzt.

Roger Boyes[The Times]

Zeitschriftenabo? Nein. Im Badezimmer Radio hören. Ja. Unter der Woche ein „Business Lunch“ mit einem SPD- Fuzzi? Nein. Puddingschnecke morgens beim Bäcker? Ja. Kino? Nein. DVDs? Ja. Steak? Nein. Gehacktes? Ja. Aber jetzt wird’s schwierig: Mein Sportstudio rief an, um mich an den Mitgliedsbeitrag zu erinnern. Ja oder nein?

Die Antwort geht natürlich weit über die Rezession hinaus. Schon seit einiger Zeit fühle ich mich in meinem Sportstudio wie ein Fremder, wie jemand, der durch Zufall in ein entlegenes Amazonas-Dorf geraten ist. Ich habe aber meine Mitgliedschaft immer erneuert aus den üblichen anthropologischen Gründen. Warum glauben die Deutschen, dass es ein fundamentales, geradezu grundgesetzartiges Menschenrecht darauf gibt, seine Muskeln zu dehnen und dann nackt durch die Umkleide zu stolzieren? Turnvater Jahn ist schuld, der solches Verhalten zur nationalen Pflicht erhoben hat. Aber die Zeiten haben sich natürlich ein wenig geändert: Pflicht gibt es in der deutschen Nation nicht mehr, sondern nur noch individuelles Wohlempfinden.

Deshalb gab es in den guten Jahren (im Rückblick war das 2005–2008, obwohl ich auch damals schon pleite war) einen Sportstudio-Boom in Berlin und dem Rest des Landes. Das Gleiche galt für Thai-, China- und Ayurveda-Massage-Schuppen. Jeder mit einem Geschäftsmodell für ein Wellnesszentrum bekam einen Kredit. Ein besserer Körper galt als Voraussetzung für höheres Einkommen. Ein wiedergeborener Turnmeister Jahn würde vermutlich ein körperenges T-Shirt tragen und ein Schild auf der Brust „Dein Trainer Freddy“.

Mein Instinkt ist also: Nein zum Sportstudio. Menschlicher Muskel ist interessant, aber nicht halb so interessant wie menschliches Gehirn. In schlechten Zeiten – sie können jeden Bären fragen – ist es besser, sich Fett anzufressen und in den Winterschlaf zu fallen. Die Kunst in der Krise liegt nicht darin, den Abdomen und die Brustmuskeln zu trainieren, sondern die Verkrampfungen zu lockern. Schlussfolgerung: Massagen statt Muckibuden.

Aber auch keine perfekte Lösung. Vergangene Woche suchte ich einen (respektablen) thailändische Massagesalon in der Kantstraße auf, doch die Mitarbeiter dort hatten mehr Interesse an einem Youtube-Bericht über die Unruhen in Bangkok als an meiner verspannten Schulter. Meine Masseuse war grimmig, vermutlich gehörte sie zu den Verlierern.

Es hätte aber schlimmer sein können: Ich hätte auf dem Tisch von Dr. Dot liegen können. Ihr wirklicher Name ist Dorothy Stein, aber sie wird Dr. Dot genannt, seitdem sie Frank Zappas Rücken wieder aufgerichtet hat. Dadurch wurde sie zu einer großen Promimasseuse – zu ihren Klienten gehören Sting, Mariah Carey, Lauryn Hill und Bruce Willis – und jede Rockgruppe, die in Berlin auftritt, lässt sich von ihr behandeln. Sie hat eine globale Gefolgschaft, aber in Berlin kennt sie kaum einer. Und so lebt Dr. Dot in dieser Stadt ein fast anonymes Leben – obwohl sie eine sehr meinungsstarke Sexkolumne für die ausgezeichnete englischsprachige Zeitschrift „Ex-Berliner“ schreibt. Anonym eben, bis irgendein Rolling Stone mit seinen alten Gelenken zu ihr kommt.

Kein Wunder also, dass der georgische Präsident Michail Saakaschwili Dr. Dot für eine Rückenmassage nach Tiflis bat. Putin, eine lautstarke Protestbewegung, eine Wirtschaftskrise: Das geht an die Muskeln. „Ich massierte ihm seinen starken Nacken“, erzählt Dr. Dot, „und meinte zu ihm: ,Ihr Nacken ist aber verspannt.‘ Darauf er: ,Russland sitzt ja auch drauf.‘“ Danach haben sich beide zusammen fotografieren lassen – und mit demselben Foto haben die Demonstranten nun die Straßen von Tiflis tapeziert, die wissen wollen, warum er sich massieren lässt, statt Jobs zu schaffen. Nun wird der dicknackige Mischa vermutlich gestürzt und am Ende noch verspannter sein.

Massagen retten einen also genauso wenig vor dem globalen Chaos wie das Pumpen im Aspria oder Holmes Place. Hier ist meine Lösung: Kündigen Sie ihr Sportstudio, vergessen Sie den Massagetisch und gehen Sie im Grunewald spazieren. Wenn Sie mich dort treffen, geben Sie sich zu erkennen, und ich lade Sie zum Bier ein. Das ist besser für Ihre Gesundheit und besser für die Wirtschaft.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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