My BERLIN : In meinem Dschungelcamp

In einer Caligula-ähnlichen Laune, die Chefredakteure so manchmal befällt, beschloss der meine, dass es doch amüsant wäre, mich in einen Überlebenstrainingskurs zu schicken. Vielleicht kam ihm die Idee in der Badewanne, während er mit seinen Quietscheentchen spielte.

Roger Boyes[The Times]

Vielleicht saß er aber auch einfach nur sonntags mit ein paar berühmten Bekannten beim Mittagessen in Hampstead herum. Man kann sich vorstellen, was geplaudert wurde:

„Warum ärgerst du dich eigentlich mit den ganzen Auslandskorrespondenten herum? Was für eine Geldverschwendung.“

„Ach, keine Ahnung, sie füllen halt die Lücken zwischen den Anzeigen.“

„Was ist mit dem Dicken in Berlin? Der ist dort schon ewig. Ist es nicht an der Zeit, ihn loszuwerden?“

„Noch nicht“, mag mein Chef geantwortet haben. „Aber du hast recht – Reporter mittleren Alters sind schlecht für unser Image. Wir brauchen attraktive junge Dinger in Tarnjacken.“

So wie die Nacht auf den Tag folgt, klingelt daraufhin in Berlin das Telefon: Pack deinen Koffer, heißt es, es geht eine Woche lang ins Trainingslager mit ehemaligen SAS-Ausbildern. Bedauerlicherweise steht SAS nicht für eine skandinavische Fluglinie mit gestriegelten, blonden Stewardessen, die sich über einen beugen, um zu gucken, ob man auch angeschnallt ist.

SAS steht für „Special Air Service“ (eine Eliteeinheit der britischen Armee) – Kommandos, die im Auftrag von Großbritannien töten. Alles im allem ist es ratsam, ihnen aus dem Weg zu gehen. Per E-Mail ließ man mich wissen, was ich mitzubringen hatte: Schlafsack, Wanderstiefel, lange Unterhosen, eine Taschenlampe, die man wie ein Grubenarbeiter am Kopf befestigt, Jagdmesser, Kompass und Feuerzeug. Von alldem hatte ich natürlich nichts, bis auf das Feuerzeug.

Der Sinn des Trainings sei es, so sagte man mir, Auslandskorrespondenten davon abzubringen, immer in Restaurants essen zu gehen. Wir sollten mobil sein, ein Tag Kosovo, am nächsten der Hindukusch. Allerdings müssten wir für den Fall, dass wir ein Bein verlieren, versichert werden. Und die Versicherungsbeiträge sind höher, wenn man nicht gelernt hat, wie man in der Wüste oder im Dschungel überlebt. Wem die Regelung nicht passe, der habe immer noch die Option, nach London zurückzukehren und Gartenredakteur zu werden. Nach ein paar Tagen Geländeabenteuer und vorgetäuschter Entführungen schien es mir plötzlich ganz reizvoll, über Tellerhortensien und Winterrosen zu schreiben.

Aber ich habe Folgendes gelernt: Wenn jemand mit einer Pistole auf einen zukommt, während man im Auto sitzt, sollte man sofort den Rückwärtsgang einlegen. Der Schuss wird mit hoher Wahrscheinlichkeit danebengehen, die Treffgenauigkeit liegt nämlich bei rund 30 Metern. Noch besser ist es natürlich, hinten zu sitzen, so dass der Mann vorne die Kugel abfängt. Vor allem soll man immer schön die Autotüren verriegeln.

Kommt man an einem Autounfall vorbei, sollte man sich den Insassen immer von vorne nähern und ein bisschen Smalltalk machen, etwa „Wie geht’s?“ sagen. Nähert man sich nämlich von hinten, riskiert man, dass sich der verletzte Fahrer umdreht und sich dabei das Genick bricht. Nicht gut.

Gerät man unter Beschuss, sollte man hinter dem Motor des Wagens in Deckung gehen, der hält die Kugeln ab. Noch so ein paar Tipps und Sie können sich Bernd Eichingers entsetzlichen Baader-Meinhof-Streifen sparen. Mein Leiden soll nicht umsonst gewesen sein.

Journalisten sterben meistens nicht durch Kugeln, sagt mein Überlebenstrainer Tom. Sie sterben bei Autounfällen oder weil sie von der falschen Sorte Moskito gestochen wurden (nehmen Sie unbedingt Ihr eigenes Netz mit, tragen Sie keine roten Hemden). Oder weil sie die Toiletten auf Langstreckenfliegern benutzen, die fabelhafte Überträger exotischer Krankheiten sind.

Das war’s.

Ach ja, falls einem versehentlich das Handy ins Klo fällt: rausfischen und ein paar Stunden auf eine Schicht getrockneten Reis legen. Der Reis saugt die ganze Feuchtigkeit auf.

Irgendwie schien mir nach dieser Anleitung die Welt ein weniger gefährlicher Ort zu sein. Hellersdorf fühlte sich gleich ein bisschen sicherer an. Allerdings hatte ich nicht mit der typisch deutschen Angst gerechnet, der es immer wieder gelingt, irgendein Monster unter dem Bett zu finden. Hier die „Bild“ von vergangener Woche: Was tun, wenn die Wildsau kommt? Zeckenalarm! Die Wölfe sind zurück („Bild“ rät: Rufen Sie laut und schrill, um den Wolf zu verjagen). Und: Bilsenkraut! Enthält hochgiftige Samen!

Nichts davon hatten wir im Überlebenskurs behandelt. Also rief ich Tom an, der auf dem Weg nach Basra war. „Ganz ruhig bleiben“, sagte er. „Wenn du in Panik gerätst, atme einfach in eine Papiertüte.“

Also ging ich zum Bäcker und besorgte mir ein paar Papiertüten. Die habe ich dann auf das Sofa gelegt, neben den Fernseher. Man kann nie vorsichtig genug sein.

Aus dem Englischen übersetzt von Laura Wieland.

0 Kommentare

Neuester Kommentar