Meinung : MY BERLIN Menschen-Esser und Mannesmann-Esser

Roger Boyes

Auslandskorrespondenten leben in der Sorte Irrenanstalt, wo Klinikdirektor Dr. Teufelsdreck die Patienten Kopfstand machen lässt, um ihren Geisteszustand zu testen. Die Berichterstattung über Deutschland konzentrierte sich in den jüngsten Wochen auf zwei Gerichtssäle: den Prozess des Kannibalen Armin Meiwes in Kassel und den gegen die Düsseldorfer sechs von Mannesmann um Klaus Esser wegen überhöhter Abfindungen.

Oberflächlich verbindet Armin M. und Klaus E. nicht viel. Der Kannibale tötete jemanden, um ihn zu verspeisen; die Angeklagten in Düsseldorf halfen beim Tod von Mannesmann und speisten danach gut. Aber die Prozesse haben existenzielle Fragen über die Banalität des Fleisches und die Versuchung des Geldes aufgeworfen. Der Kannibale erzählte uns, dass er einen Bekannten bereits für die Schlachtung markiert hatte – nur im Spiel, ist ja klar –, sie sich dann aber lieber den George-Clooney-Film „Ocean’s Eleven“ anschauten. Er erzählte uns, dass menschliches Fett, richtig zubereitet, wie Gänseschmalz schmecken kann. Und in einer langen E-Mail-Unterhaltung mit einem Freund ließ er sich darüber aus, was passieren würde, wenn Kannibalismus sozial akzeptiert wäre: Menschen würden Fleisch- Spenderkarten mit sich herumtragen. Kannibalen-Ausbilder wären Teil der deutschen Entwicklungshilfe, denn Menschenfresserei würde gleich zwei Probleme lösen: Überbevölkerung und Hunger. Das hört sich an wie schwarzer Humor, aber Armin M. war wirklich überzeugt, dass das Leben durch die Rehabilitation des Kannibalismus besser und reicher wäre. Man müsste nur neu über die Beziehung von Körper und Geist nachdenken. In gewisser Weise hat der Kannibale seine eigene Reformdebatte angezettelt, ganz ohne Roland Bergers Hilfe.

Derweil präsentierte sich Klaus Esser, einige Kilometer entfernt im Gerichtssaal L 111, nicht ganz so radikal. Aber so wie Armin einen neuen Zugang zum Fleisch forderte, forderte Klaus einen neuen Vorstoß in Sachen Geld. Ihm war ein lebenslanger Chauffeur versprochen, sagte er vor Gericht, er nahm lieber zwei Millionen Euro. Entweder hat er das Elexier des ewigen Lebens oder die teuersten Chauffeure der Welt. Egal: Geld ist für Klaus E. der Maßstab für Marktwert. Er hat gut gearbeitet, also verdient er eine Belohnung, die 30 Jahresgehältern von 150 Krankenschwestern entspricht. Den Kollegen von der Wirtschaftspresse leuchtet die Esser-Logik ein. Man kann sie kaum vom Klatschen abhalten, wenn Josef – sorry, Joe – Ackermann das Wort ergreift.

Ein Gerichtssaal ist der falsche Ort, um nationale Debatten in Gang zu bringen. Wie sollte ein gerechter Umgang mit dem Kannibalen aussehen? Er gehört entweder in die Klapsmühle oder als Bio-Fleisch-Berater an die Seite von Renate Künast. Er geht jetzt ins Gefängnis, aber das ist keine Lösung. Auch nicht für die Düsseldorfer sechs – sie sind Teil einer weitergehenden Diskussion über kapitalistische Ethik. Im „Kleinen Prinzen“ sagt der Fuchs: „Du wirst für immer verantwortlich sein für das, was du zähmst.“

Der Kannibale hat versucht, das Fleisch zu zähmen, die Düsseldorfer sechs, das deutsche Gesellschaftsmodell zu zähmen. Ohne Erfolg. Damit müssen sie nun leben.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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