Meinung : MY BERLIN Politik – in Butter geschwenkt

Roger Boyes

Bagdad ist befreit und natürlich müssen wir der Friedensbewegung dafür danken. Wer Lippenlesen beherrscht, konnte sehen, mit welchen Worten die erregten Iraker die gigantische Statue Saddam Husseins zerstörten. In etwa: „Danke Chirac, Danke Gerd!“

Kein Wunder, dass meine stolze Kollegin Madame Hugues zu einem Siegeszug durch Schöneberg aufgebrochen ist, eingewickelt in die Tricolore. Kein Wunder, dass der Biohändler Rabatt auf Ziegenkäse gab. Einer der grausamsten Diktatoren des Nahen Ostens ist gefallen wegen der heroischen Politik von Paris und Berlin. Oder vielleicht auch nicht.

Es ist Zeit, in klaren Worten über Chirac zu reden. Der Mann ist peinlich geworden für Europa. Schröder ist schwach, aber nicht so schwach, dass er diesem eitlen Präsidenten sklavisch folgen müsste. Es war lächerlich, eine europäische Antikriegsinitiative am Geburtstag des Elysée-Vertrags zu starten – eine ernsthafte Fehleinschätzung der Stimmung in Europa und Amerika. Chirac sah die Gelegenheit, Frankreich wieder als europäische Vormacht zu installieren. Nun versucht er einen ähnlichen Trick bei der Neuordnung des Irak. Jeder, mit Ausnahme der ehrenwerten Frankophilen von Schöneberg, lacht über ihn: den Kaiser ohne Kleider.

Die Amerikaner sehen die Franzosen eher als Feiglinge denn als Dummköpfe. Das ist falsch. Einer Nation, die regelmäßig Kalbshirn isst, mangelt es nicht an Mut. Chirac wurde auf einer Konferenz über „Intellektuelle und Gesellschaft“ einmal gefragt, welchem Wert er dem Gehirn beimesse. „Einen großen“, hat er geantwortet, „in Butter geschwenkt mit Kapern“. Es fällt nicht schwer, ihm zu glauben. Frankreich hat seine Irak-Politik nicht aus Feigheit oder Kampfesunwillen vermasselt. Schließlich begibt er sich selbst oft in militärische Abenteuer – ohne Zustimmung der UN. Nein, Frankreich ist gescheitert, weil es die Veränderungen in Europa nicht begriffen hat. Der kurze Irak–Krieg war der Beginn eines unblutigen Kampfes um die Vorherrschaft in Europa. Soll Europa sich selbst zum Gegenpol Amerikas machen, wie Chirac es wünscht? Oder können wir mit Amerika jene westliche Werte zu verteidigen, die wir immer noch teilen (abgesehen vom perversen Appetit auf Kalbshirn)?

Wir wissen, wo Paris steht, bei Berlin ist das anders. Am Beginn der Schröder-Ära glaubte man, eine deutsch-britische Allianz könnte die stagnierende deutsch-französische Achse ersetzen – eine Übersimplifizierung, wie sie sich 28-jährige Politikberater mit Akneproblemen erträumen. Aber die letzten Wochen haben gezeigt, wie sehr Frankreich seine Bedeutung in Europa und der Welt überschätzt hat. Und: Die Deutschen verstehen die Briten auf allen Ebenen der Diplomatie besser, als es die Franzosen tun.

Eine Vorhersage: Blair wird seine neue Popularität dafür nutzen, ein Referendum über den Euro abzuhalten. Er wird gewinnen und Großbritannien wird so zum natürlichen Partner Deutschlands. In fünf Jahren wird das dynamische Herz Europas aus einer Achse Berlin-London bestehen. Frankreich wird zunehmend irrelevant werden. Ein Ort, wo der Wein immer noch gut ist, die Frauen immer noch schön und die Politik immer noch in Butter geschwenkt. Ruhige Tage in Schöneberg für Madame Hugues?

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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