My BERLIN : Prinz Charles ist schwarz-grün

Prinz Charles ist so etwas wie der älteste Azubi der Welt. Er hat noch nicht einmal angefangen, König zu sein.

Roger Boyes[The Times]

Unausweichlich wächst die Zahl derer, die meinen Job haben wollen. „London ist eine Schlangengrube geworden“, sagte ein junger Kollege zu mir, „warum machst du nicht in Deutschland Platz für uns?“ Das war lustig gemeint, hatte aber den bitteren Unterton jener Frustration, die in der Rezession wächst. Viele ältere Arbeitnehmer stellen fest, dass ihre Pensionstöpfe nicht so groß sind wie gedacht; sogar nicht groß genug, um davon zu leben. Also klammern sich die Baby-Boomers, wie sie in den USA heißen, und die 68er, wie sie hier heißen, an ihre Jobs. Was in den angelsächsischen Ländern passiert – und damit früher oder später auch hier – ist, dass sich die Stimmung am Arbeitsplatz verschlechtert: Die Alten weichen nicht den Jungen, und dadurch steigt der Druck im Kessel.

Man muss sich nur die Deutsche Bank anschauen: Joe Ackermann wird seinen Vertrag um drei Jahre verlängern, statt sich, wie angekündigt, im kommenden Jahr zur Ruhe zu setzen. Das Ergebnis: Stress in der Vorstandsetage, die Jüngeren können weiter mit den Hufen scharren. Anderes Beispiel: der arme Prinz Willem-Alexander, der amüsante rothaarige Nachfolger von Königin Beatrix. Er ist auch schon über 40 und möchte verständlicherweise langsam seinen Job antreten. Kronprinz zu sein, war nie leicht; aber die eigene Mutter als Chefin zu haben, ist ein echter Albtraum.

Womit ich bei Prinz Charles wäre, ohne Frage der älteste Azubi der Welt. Er ist etwa so alt wie Ackermann, aber während der eine verlängert, hat der andere noch gar nicht angefangen. Es gibt sicher schlimmere Schicksale. Immerhin hat Charles einen Diener, der ihm die Zahnpasta aus der Tube drückt – etwas, wovon ich schon immer geträumt habe. Aber während Königin Elisabeth wie eine Marathonläuferin immer weitermacht, Rekorde bricht, und eine Ära in Großbritannien prägt wie Königin Viktoria vor hundert Jahren, verkümmert die Bedeutung von Charles’ zukünftiger Königsherrschaft immer mehr. Wenn er irgendwann auf den Thron kommt, wie lange wird er dort sitzen? Fünf, zehn Jahre? Es ist ein Nullsummenspiel: Je weiter die Queen sich als historische Figur etabliert, desto unwahrscheinlicher, dass Charles Großbritannien seinen Stempel aufdrücken können wird.

Ich stehe natürlich eher auf Seiten der Älteren, die ihre Jobs behalten oder wenigstens ihren Abgang selbst gestalten wollen. Aber im Fall der Queen würde ich (höflich) sagen: Geh, genieß deinen Ruhestand, züchte Corgis, lass die Seele baumeln und misch dich nicht in die Geschäfte von King Charles ein. Charles ist so weit, er ist kein Praktikant mehr. Das wurde bei seinem kurzen Berlin-Besuch deutlich. Ihm lag der Klimawandel und die nachhaltige Landwirtschaft am Herzen, als es noch nicht in Mode war. Er ist die personifizierte schwarz-grüne Koalition. In der Vergangenheit haben die Briten über ihn gelacht, weil er mit Bäumen sprach und seinen Traktor mit Küchenöl befeuerte und wegen der Biokekse. Aber die Deutschen verstanden seine Botschaft, und inzwischen merken die Briten, dass Charles seiner Zeit voraus war und jetzt mit ihr im Einklang ist. In Berlin holte er seinen Bio- Preis ab und traf den brillanten Architekten David Chipperfield. Auch darin lag eine Botschaft an seine Mitbürger: Er wird ein König sein, dem das Aussehen der Städte wichtig ist. In England spricht man von seinem Haus als georgianisch, edwardisch oder viktorianisch; Charles möchte eine karolingische Ära einleuten. Und vor allem soll sein Königreich multikulti sein, toleranter.

Deshalb war sein Besuch bei dem Fußballspiel „Christentum gegen Islam“ keine lustige Fußnote. Charles möchte ein „Verteidiger von Glauben“ sein, nicht der „Verteidiger des Glaubens“ wie die Queen. Sie hat der Anglikanischen Kirche ihre Treue bekundet; Charles möchte dem Recht aller Briten, ihre eigene Religion auszuüben, die Treue bekunden. Er glaubt, dass Religionen im Wettbewerb stehen können, aber dass sie einander respektieren müssen, und das bedeutet, dass sie miteinander kommunizieren. Deshalb war das Spiel Pfarrer gegen Imame wichtig. Beide Mannschaften spielten, um zu gewinnen. Es ging 0:0 aus. Die Lehre aus dem Spiel ist eine für die religiösen Gemeinschaften in Berlin, aber auch in Britain: Der Wettbewerb um den Glauben destabilisiert nicht notwendigerweise eine Gesellschaft.

Was Camilla betrifft: Sie sah o.k. aus. Die Engländer haben ihren Frieden mit ihr gemacht; sie steht einer erfolgreichen Regentschaft Charles’ nicht mehr im Weg. Ich selbst hätte es ja lieber gesehen, wenn er Renate Künast geheiratet hätte – und noch mehr grünes deutsches Blut in die Königliche Familie gebracht hätte.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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