My BERLIN : Raumschiff Alzheim

Eine ganze Woche lang schien es, als ob wir von fremden, grauen Wesen überrannt würden. Plötzlich gab es da eine 78-jährige Wetterfee im Morgenmagazin...

Roger Boyes[The Times]

Eine Moderatorin, die ein ums andere Mal ihren Einsatz verpasste („Oma, du hast die Brille vergessen!“, sah man sich genötigt, vom Sofa aus zu schreien); Sven Kunze, dessen Magen sich auf seinen Gürtel ausbreitete, Friedrich Nowottny, dessen großer Kopf sich nicht nur auf seinen kleinen Körper, sondern auf den ganzen intellektuellen Rahmen des Frühstücksfernsehens ausbreitete. Ein Raumschiff vom Planet Alzheim war in Berlin gelandet.

Pompös wie eine päpstliche Bulle hatte die ARD ein Sonderthema ausgerufen: Altsein. Stunde um Stunde wurden die Vorzüge und Herausforderungen ausgebreitet, über 60 zu sein. Im Vergleich machte das für einen Moment sogar MTV mit seinen lächerlichen Zuhälter-Rockern und gepiercten quietschstimmigen Charlotte- Roche-Doppelgängerinnen erträglich. Die Oldie-Woche war sowieso mehr als Experiment. Tatsache ist doch, dass die ARD längst Senioren-TV ist.

Ich kann das mit einer gewissen Autorität sagen, denn ich habe – aus Gründen, die zu kompliziert sind, um sie zu erläutern – am Samstagabend mit drei 80-Jährigen in einem Altersheim den Musikantenstadl geguckt. Und zwar „Live aus Klagenfurt“, wie uns versprochen wurde – vielleicht die drei deprimierendsten Wörter der deutschen Sprache. Meine Mitschauer mochten den Moderator Andy Borg, obwohl es mir schien, dass er eine Rasur und einige Kilos weniger nötig hätte.

Eine interessante Tatsache ist, dass die meisten Volksmusikanhänger politisch nicht etwa rechts von General Franco und dem Duce stehen – trotz all dem Heimat-Tralala –, sondern Wähler der SPD sind. Da haben wir eine mächtige neue Achse: Die Neuen Grauen aus dem Musikantenstadl- Lager und ihr kleiner Koalitionspartner, die Sozis – verbunden im gemeinsamen Widerstand gegen den Wandel und auf der Suche nach der heilen Welt.

Als ich mir die Fernbedienung krallte und zappen wollte, wurde mir die Macht der Alten erst richtig bewusst. Indem die ARD 20 Uhr 15 zum Sendeplatz für die über 60-Jährigen machte, zwang sie praktisch auch das gesamte Restprogramm dazu, sich des geriatrischen Zuschauers anzunehmen. Zap! RBB: Rudi Carrell – das Beste aus 30 Jahren. „Das würde ich gerne sehen“, sagte Sophie, die am Rand ihres Betts saß. Nein, rief Hillu, „zurück zu Andy!“ Ich zappte weiter. Kabel 1: James Bond „Goldfinger“, Produktionsjahr 1964. „Komm schon, wir verpassen das Beste“. Zap! RTL, DSDS. „Süß, der Bohlen“, sagte Sophie. Hillu fing an zu schimpfen. Ich zappte zurück zur ARD – gerade rechtzeitig zu den Wildecker Herzbuben.

Ist ihnen mal aufgefallen, wie alte Leute herrisch werden? Sie werfen ihr ganzes Gewicht in die Waagschale, wie sächsische Skinheads am Vatertag. Versuchen sie mal, ihre Füße auf einen Zugsitz zu legen – mit sauberen Schuhen, sorgfältig drapiert auf einer „Bild“-Zeitung, in einem praktisch leeren Wagen. Eine ganze Horde Rentner wird auf sie losgehen, um sie zu tadeln.

Neulich sah ich, wie sich eine Frau über 70 einer jungen Supermarktangestellten näherte, die draußen auf einer Bank während ihrer Mittagspause eine Zigarette rauchte. „Machen Sie das bloß nicht, Mädchen, das ist sehr schädlich“, zischte die alte Frau. „Wo soll ich denn sonst rauchen?“, fragte das arme Mädel – und machte die Kippe aus.

Die Ursache all dessen ist wohl das Geld. Statistiken belegen, dass Rentner riesige Ersparnisse angehäuft haben und viel mehr ausgeben als die Jungen. Im Jahr 2015 werden 50 Prozent der Deutschen über 50 sein – Jahrzehnte haben sie dann noch vor sich, um zu leben, zu wählen, Geld auszugeben. Natürlich fallen sie da etwas selbstgefällig aus. Einige sagen, wenn die 68er noch mal zehn Jahre älter werden, dann werden sie auf die Barrikaden gegen die Jungen gehen (werden die denn nie erwachsen?); mit der Volksmusik werde dann Schluss sein. Stattdessen gebe es jeden Samstagabend Wiederholungen von Woodstock.

Ich bin da skeptisch. Einen Typ wie Florian Silbereisen wird man nicht so leicht los. Und wenn es eines gibt, was noch schlimmer ist als „Live aus Klagenfurt“, dann ist das zweifellos „Grateful Dead in Klagenfurt“. Die 68er-Generation hat eben einen noch schlechteren Geschmack als Sophie und ihre Freunde. Volksmusik ist Lebensunterstützung für Millionen. Da ist es schwierig, einfach den Stecker rauszuziehen. Es ist schließlich der Grund dafür, warum meine Altersheimfreunde weiter ihre Ginseng-Tabletten nehmen.

Wenn es wirklich einen Krieg zwischen den Generationen gibt, dann haben die Jungen ihn längst verloren. Schauen Sie nur mal, wie es die Rentner mit ihrer Kaufkraft von 316 Milliarden Euro pro Jahr geschafft haben, sich an ihren Seniorenrabatten, ihren preiswerten Museums- und Konzertkarten festzukrallen. Berlin hat seine Seniorenkarten längst fallen lassen, aber in Lübeck können Sie Seniorenfreizeitpässe für Taxen, für die Dauerwelle, sogar für das Chow- Mein beim Chinesen um die Ecke kriegen. Im Ruhrgebiet kommen die Oldies fast kostenlos in die Kinos. IBM bietet für seine Computer 50 Prozent Rabatt für über 60-Jährige an. Die Logik ist klar: Kommunen sparen Geld und Firmen erhöhen ihre Profite, wenn die ältere Generation aktiv bleibt. Ich kann das nur unterstützen. Alles, was Rentner davon abhält, Samstagabend fernsehen zu müssen, findet meine vollste Zustimmung. Ob Bungee-Springen, Kampfsport – ganz egal.

Aus dem Englischen übersetzt von Sebastian Bickerich.

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