Meinung : MY BERLIN Sie erinnern sich nicht

Roger Boyes

Lassen Sie uns den Tatsachen ins Auge blicken: Sabine Christiansen ist so vertrocknet wie eine Pflanze im Herbarium. Normalerweise wäre das kein Problem. Wollen wir denn Spaß, Humor, Fantasie und Leidenschaft am Sonntagabend? Wir wollen den „Tatort“ und einen Kakao. Aber Frau Christiansen hat eine besondere Verantwortung. Seit der „Spiegel“ sich still und leise von einem Montagmorgen- in ein Wochenendmagazin verwandelt hat, gibt er nicht mehr die Themen vor. Die Politiker haben schnell verstanden, dass Sabine C. das Vakuum füllen kann. Was dort Sensationelles in den ersten 30 Minuten gesagt wird, schafft es noch in die „Bild“-Zeitung. Deswegen ist die zweite Hälfte von „Christiansen“ langweiliger als die erste – genau wie ein Hertha-Spiel.

So müssen wir Frau Christiansen ernst nehmen, womöglich so ernst, wie sie sich selbst nimmt. Sie gibt der politischen Klasse eine Bühne. Was aber lernen wir aus der letzten Sendung über diese Elite? Oskar Lafontaine, der aus dem Kabinett stürmte wie ein Kindergartenkind, das nicht mal seine Schnürsenkel binden kann – wieso ist er plötzlich wieder eine Autorität? Ist die Krise so schlimm? Oder Ole von Beust, der die am meisten kompromittierte Landesregierung in Deutschland führt. Michel Friedman gestand, worauf sechs Millionen Post-„Tatort“-Gucker sehnsüchtig gewartet hatten: „Ich habe einen Fehler gemacht.“ Augenblick mal, nur einen? Vielleicht bin ich schlecht in Mathe, aber mit ukrainischen Prostituierten koksen, das sind mindestens zwei, vielleicht sogar drei Fehler, je nachdem, was danach passierte. Auch bei ihm ist nicht klar, für wen er spricht. Und natürlich Ex-Kanzlerkandidat Guido Westerwelle, sichtbar angeschlagen von der Möllemann-Affäre. Auch er sprach für niemanden.

Ist diese Runde das Abbild der politischen Klasse? Gewiss, es ist schwer, einen Politiker zu finden, der nicht angeschlagen oder kompromittiert ist. Die Folgen der Spendenaffäre werden unterschätzt. Kohl loswerden, das hat nichts gelöst. Jetzt, wo die politische Elite moralische Autorität bräuchte, um Deutschland zu überzeugen, dass es Opfer für die nächsten Generationen bringen muss, wird unübersehbar: Sie hat ihren Kredit verspielt. Die Politiker zählen auf unsere Vergesslichkeit. Oder unsere christliche Vergebung.

Von der Hessen-CDU – Heimat des antisemitischen Hanswursts Hohmann – können wir moralische Führung nicht erwarten, solange Roland Koch an der Macht ist. Erinnern Sie sich an seine Rolle in der Spenden-Affäre? Ich schon. Und wen die politische Apathie in Brandenburg aufregt, sollte sich an die Machenschaften der SPD dort in den 90ern erinnern – genug Korruption, um Generationen von politischem Engagement abzuhalten.

Das TV-Drama um Willy Brandt hat uns gemahnt: Man kann aus Gewissensgründen zurücktreten und persönliche Schuld auf sich nehmen. Politiker, die alles ändern wollen, bei Renten, Gesundheit, dem Sozial-, Steuer- und Arbeitssystem, sollten bei sich selbst anfangen. Deutschland braucht bessere Politiker; es wurde selten so schlecht regiert.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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