Meinung : MY BERLIN Wie die Gastro-Elite Deutschland regiert

Roger Boyes

Politiker sind wie Butterbrote, sie landen stets auf der fettigen Seite. Deswegen war es auch keine große Überraschung, dass ich neulich die Frau eines Politikers in der Reinigung getroffen habe, die seine verschmierte Jacke abgab. Es gab eine Schlange in der Express-Reinigung, eine sehr langsame Schlange. Super-Expressbehandlung heißt, dass du deine Hose am Donnerstag abgibst und am Dienstag zurückbekommst. „Express, einfach“ garantiert dir die Hose an Nikolaus. Die Normalbehandlung schickt deine Sachen nach Fidschi. Es gab viel Zeit, sich zu unterhalten: „Der Fleck ist schwierig. Was ist es? Riecht wie Butter.“ – „Nein, es ist Sauce mit Kümmel und Thymian.“ – „Was ist genau drin? Es riecht nach Butter.“ – „Es war aber ein gutes Restaurant, die benutzen keine Butter.“ Wir in der Schlange spitzten die Ohren. Wenn ein Mitglied der deutschen Arbeiterpartei in schönen Restaurants speist, sollten wir das wissen.

Die Gattin des Politikers setzte ein heilig-geduldiges Gesicht auf, das unseren Gesichtern glich, als wir noch im Rheinland gelebt haben. Sie verließ den Laden wie ein Kapitän sein Schiff verlässt. „Wenigstens wissen wir, dass ihr Mann nicht mit einer Geliebten gegessen hat“, sagte meine Nachbarin in der Schlange, eine Frau, die alt genug war, um es besser zu wissen. „Machen sie sich nicht lächerlich“, sagte die Reinigungsfachfrau, „65 Prozent aller Affären werden von Frauen entdeckt, die die Klamotten ihrer Männer in die Reinigung bringen.“

Draußen war die Politikerfrau – nennen wir sie Frau X – im Begriff, ihr Handy-Gespräch zu beenden. Leibwächter konnte ich nicht entdecken. Vielleicht waren sie auf der Suche nach einem neuen Rezept mit Kümmel und Thymian. „Muss ein gutes Essen gewesen sein“, sagte sie fröhlich. „Dieter Müller“, erklärte sie weiter. Für einen Engländer, dessen kulinarischer Geschmack und Sitten in der Ära von Heinrich dem Achten eingefroren sind, klang das sehr geheimnisvoll. Dieter Müller, so stellte sich heraus, ist Sterne-Koch eines Hotels in Bergisch-Gladbach. Die Franzosen langweilen uns seit Jahrhunderten mit ihren Michelin-Sternen. Aber die Deutschen? Das wäre mir neu.

Es kommt mir vor, als wäre da eine Kluft zwischen denen in Deutschland, die sich ein einen Besuch im guten Restaurant leisten können und denjenigen, die das nicht können. Es gehen vielleicht 30 000 Berliner regelmäßig essen, und es scheint, als frequentierten sie die gleichen zehn Restaurants – ein Ballett, das im Verdauungstrakt des politischen Systems aufgeführt wird. Diese Leute kennen den besten Tisch im „Borchardt“, aber nicht den Namen ihres Briefträgers. Die Gastro-Elite regiert das Land. Spielt das eine Rolle? Ich gehöre nicht zu den Anarchisten, die Porsches vor dem „Maxwell“ anzünden; ich bevorzuge es, drinnen zu sitzen. Trotzdem: Der Stammtisch gewinnt wieder an Bedeutung. Deutschland kann nicht von einem Berliner Restaurant aus regiert werden, in dem das Hauptgericht 20 Euro kostet. Ist Ihnen aufgefallen, dass Schröder nur in Wahljahren Currywurst isst? Und dass Stoiber heimlich seine Vorliebe für Bier verloren hat? Sie sind jetzt Männer mit feinem Gaumen, während die deutsche Wählerschaft fordernder und gröber geworden ist.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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