Meinung : MY BERLIN Wie ich zum Feministen wurde

Roger Boyes

Wir leben im Zeitalter des Chamäleons: Marxisten werden zu Neoliberalen, Terroristen werden zu Staatsmännern. Und so bin ich einigermaßen stolz darauf, ziemlich im Einklang mit dem Zeitgeist zum Feminismus zu konvertieren.

Tatsächlich bin ich schon seit einigen Monaten Feminist und sogar meinen neandertalerischen Zechkumpanen ist es aufgefallen: Ich rasiere meine Achselhöhlen nicht und meine Fensterputzerin ist eine Lesbe. Ich nehme Befehle der Chefin der Auslandsabteilung entgegen und nenne sie fast nie eine Hure. Ich esse selten rotes Fleisch, ich bin jetzt bei einem Minimum von fünf Steaks pro Woche, und ziehe es vor, Nussbutter mit meinen befreundeten Frauenkämpferinnen zu essen. Und, ja, ich hasse Männer. Sie riechen so seltsam.

Natürlich bin ich sehr der Meinung, dass nach 4,8 Millionen Jahren der Männerherrschaft die Frauen ans Ruder sollen. Eine Frau zur Präsidentin Deutschlands zu wählen, das ist zu meinem Kreuzzug geworden. Denken sie nur einen Moment daran, wie die deutsche Geschichte hätte verbessert werden können, wenn Frauen an der Spitze gestanden wären: Eine Queen Victoria statt des Kaisers, eine Margaret Thatcher statt Helmut Kohl, Eva Peròn statt Hitler.

Es ist traurig, dass Eva Peròn nicht mehr für politische Ämter zur Verfügung steht. Stattdessen sind die Favoriten alle Tagesspiegel-Kolumnisten: Wolfgang Schäuble, Richard Schröder, Antje Vollmer, Andrea Fischer. Konkurrenten, die nicht für den Tagesspiegel schreiben, haben gar keine Chance. Klaus Kinkel zum Beispiel (können sie sich an seine Reden erinnern? Genau).

Also, die feministische Logik sagt, dass nur Antje oder Andrea gewinnen können. Die CDU kann nur mit einer Frau zur Zeit fertig werden und Angie hat andere Pläne. Ich habe mein Geld auf Frau Fischer gesetzt; sie ist gut im Fernsehen, hat Spezialkenntnisse auf dem Gebiet der Krankenhäuser und Altenheime, hat Regierungserfahrung und ist undogmatisch. Und sie liest Krimis. Sie weiß also, was zu tun ist, wenn der Kanzler ermordet in seinem Büro gefunden wird.

Das feministische Gegenargument zu einem weiblichen Präsidenten – ein Argument, dass ich ständig in meinen Frauen-Bewusstseins-Workshops in Friedrichshain höre – ist, dass der Präsident irrelevant sei im politischen Leben Deutschlands. Das stimmt genau und es ist eine Tatsache, die seltsamerweise immer ausgelassen wird in all diesen schmeichlerischen biographischen Portraits über Johannes Rau. Der Präsident ist ein politischer Eunuch. Im besten Falle hat er die Funktion der Abwechslung. Er kann mit Minderheiten reden, Hände schütteln, ins Ausland reisen, in einem großen Haus leben.

Aber mir will es scheinen, als könnte eine weibliche Präsidentin aus dem konstitutionellen Korsett ausbrechen (Sorry, Schwestern – meine Metaphern sind immer noch sexistisch). Was wir in Deutschland sehen, ist kein „Krieg der Generationen“, sondern der Krieg der Geschlechter, Teil 103. Wer sorgt sich am meisten über zukünftige Renten? Frauen. Frauen leben länger als Männer, und trotz der besten Absichten der Tabakindustrie werden sie das weiter tun. Wer plant das Familienbudget? Die Frauen. In einer Familie mit einem Bruder und einer Schwester, raten Sie mal, wer sich da um die alternden Eltern kümmert. Die Lasten von Alter und Krankheit sind zum großen Teil weibliche Lasten.

Und das ist der Grund, warum Deutschland einen weiblichen Präsidenten braucht – um die Probleme Deutschlands und Europas aus einer weiblichen Perspektive zu definieren. Vielleicht ist das der wahre Grund, warum ich zum Feministen wurde: Ich stehe gerne auf der Seite der Gewinner (Ich weiß, ich weiß, typisch Engländer). In der Zwischenzeit bereiten Sie sich bitte darauf vor, Ihre Stimme Andrea Fischer zu geben.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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